Die EBU hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass Anfang November in einer außerordentlichen Generalversammlung über die Teilnahme Israels abgestimmt wird. Ursprünglich sollte die Entscheidung erst im Dezember fallen. „Die Union steht für Inklusivität und einen offenen kulturellen Dialog“, hieß es in einem Schreiben, das von Präsidentin Delphine Ernotte-Cunci unterzeichnet wurde. Zugleich räumte die EBU ein, dass es „keine einvernehmliche Position“ unter den Mitgliedern gebe.
Boykottdrohungen aus mehreren Ländern
Mehrere Länder hatten in den vergangenen Wochen erklärt, sich im Falle einer israelischen Teilnahme zurückziehen zu wollen. Irland, Slowenien, Spanien, die Niederlande, Island und Belgien stellten einen Boykott in Aussicht. Besonders Spanien und Italien, beides Mitglieder der finanzstarken „Big Five“, erhöhen den Druck. In Rom forderten drei von sieben Aufsichtsräten der RAI ebenfalls einen Rückzug.
Der Präsident des spanischen Rundfunks RTVE, José Pablo López, begründete die Haltung Spaniens vor einem Parlamentsausschuss: „Eurovision ist kein reines Musikfestival, es ist das politischste Festival, das es gibt.“ Er warnte, dass ein Sieg Israels in Wien wahrscheinlich sei, wenn nichts geschehe.
Österreich plädiert für Teilnahme Israels
In Wien sieht man die Debatte anders. ORF-Generaldirektor Roland Weißmann betonte bereits im September, dass Israel willkommen sei. Auch der ORF-Stiftungsrat sprach sich dafür aus. Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger warnte in einem Brief an ihre Amtskollegen vor einer Spaltung innerhalb der EBU. „Kunst eignet sich nicht für Sanktionen“, schrieb sie und unterstrich die Bedeutung des kulturellen Dialogs.
Auch aus Deutschland kam Kritik an den Boykottdrohungen. Kulturminister Wolfram Weimer sprach von „Cancel Culture“ und erinnerte daran, dass der Song Contest Länder zusammenbringen solle. „Wer heute Israel ausschließt, macht aus einem Fest der Verständigung ein Tribunal“, sagte er.
Proteste und Kontroversen bei den letzten Wettbewerben
Die Debatte über Israel schwelt seit Beginn des Gaza-Krieges. 2024 wurde die israelische Teilnehmerin Eden Golan in Malmö ausgebuht und musste unter Polizeischutz leben. Im vergangenen Mai in Basel sorgte der Auftritt von Yuval Raphael, einer Überlebenden des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023, erneut für Proteste und Pfeifkonzerte. Beide Wettbewerbe wurden von Pro-Palästina-Demonstrationen begleitet.
Kevin Bakhurst, Generaldirektor des irischen Rundfunks RTÈ, begründete den irischen Boykott mit der „unvorstellbaren Zahl an Opfern in Gaza“ sowie der gezielten Tötung von Journalist:innen. „Irlands Teilnahme wäre in dieser Situation unvertretbar“, erklärte er.
Blick nach Wien 2026
Die aktuelle Auseinandersetzung erinnert an 2022, als Russland nach dem Angriff auf die Ukraine ausgeschlossen wurde. Damals spielte vor allem die Rolle russischer Staatsmedien als Propaganda-Plattform eine entscheidende Rolle, was im Fall des israelischen Senders Kan nicht zutrifft.
Das Finale des 70. Eurovision Song Contest soll im Mai 2026 in Wien stattfinden. Nach dem Sieg des Österreichers JJ im Mai in Basel wird die Bundeshauptstadt zum dritten Mal Austragungsort des größten Musikbewerbs der Welt sein. Rund 166 Millionen Menschen sahen das Event zuletzt live im Fernsehen.

