Klaus Nomi wurde am 24. Januar 1944 als Klaus Sperber im bayerischen Immenstadt geboren. Aufgewachsen in Ostberlin in der Nachkriegszeit, fand er früh Trost in der Musik. Besonders die Oper hatte es ihm angetan: Die Arien großer Soprane wie Maria Callas prägten seine Jugend. Schon als Teenager stand er auf der Bühne kleiner Theater in Ost-Berlin, bevor er 1962 nach Westdeutschland floh.
Ein Bub aus Bayern mit großer Stimme
In den 1970er Jahren zog es ihn schließlich nach New York, wo er seinen Künstlernamen annahm – inspiriert vom lateinischen Wort „nomine“ („im Namen von“) und einem Science-Fiction-artigen Klang.
In der Metropole der Avantgarde wollte er endlich als Sänger und Performer ernst genommen werden. „Ich wollte Opernsänger werden, aber die Welt war noch nicht bereit für einen Mann wie mich“, sagte er einmal in einem Interview.
Die Geburt einer Kunstfigur: Zwischen Oper, Punk und Planet X
New York war Anfang der 80er Jahre ein Schmelztiegel künstlerischer Extreme – genau das richtige Pflaster für Klaus Nomi. Mit herzförmigen Lippen, weiß geschminkter Haut und extravaganten Outfits, die an Roboter oder barocke Aliens erinnerten, erschuf er eine Figur, die man nicht übersehen konnte.
Seine Performances verbanden klassische Opern-Arien mit elektronischem New Wave und Punk. Stücke wie The Cold Song (nach Purcell) oder Lightning Strikes (ein Pop-Cover) zeigten seine Vielseitigkeit. Seine Stimme reichte vom tiefen Bariton bis zum hohen Countertenor – ein seltener Spagat, den er technisch meisterhaft beherrschte.
Ein Auftritt im legendären New Yorker Nachtclub „Max’s Kansas City“ 1978 brachte ihm erste Aufmerksamkeit. Es war nicht nur die Musik, sondern das Gesamtkunstwerk: Nomi wirkte wie ein Besucher von einem anderen Planeten, der sich durch die Kultur der Menschheit sang.
Durchbruch mit Bowie und eigene Plattenverträge
Einen entscheidenden Karriereschub erhielt Klaus Nomi 1979, als David Bowie ihn und seinen Freund Joey Arias für einen Auftritt bei Saturday Night Live engagierte. Bowie ließ sich von Nomis Ästhetik inspirieren – und umgekehrt.
Der Auftritt machte Schlagzeilen: Drei Männer in schwarzen Vinylanzügen, weiße Gesichter, harte Bewegungen. Bowie sang „The Man Who Sold The World“, Nomi sang im Hintergrund – doch seine Präsenz war nicht zu übersehen.
Kurz darauf bekam Nomi einen eigenen Plattenvertrag. Sein Debütalbum „Klaus Nomi“ erschien 1981. Darauf verband er populäre Songs mit barocken Arien, deutsche Elektronik mit US-Clubkultur. Das zweite Album „Simple Man“ folgte 1982 und enthielt unter anderem die Tracks Ding Dong, Just One Look und die Arie Wayward Sisters von Henry Purcell. „Ich bin der erste barocke New-Wave-Star“, erklärte er selbstbewusst.
Ein queerer Pionier mit tragischem Ende
Klaus Nomi lebte offen schwul – in einer Zeit, in der queeres Leben zwar in künstlerischen Kreisen sichtbar war, aber gesellschaftlich oft noch stigmatisiert wurde. Er bewegte sich frei in der queeren Subkultur New Yorks, performte in Drag, feierte androgyne Körperbilder und hinterfragte Geschlechternormen.
Anfang der 1980er Jahre breitete sich eine neue, rätselhafte Krankheit in der Community aus – AIDS. Klaus Nomi war einer der ersten Künstler, die von der Krankheit betroffen waren. Die medizinische Unkenntnis, das gesellschaftliche Stigma und die Panik sorgten dafür, dass viele Freund:innen ihn im Stich ließen.
Bereits 1982 traten erste Symptome auf. Im Spätsommer 1983 verschlechterte sich sein Zustand rapide. In einem Krankenhaus in Manhattan starb Klaus Nomi am 6. August 1983 – mit nur 39 Jahren.
Sein Tod markierte einen der ersten prominenten AIDS-Fälle in der Popkultur. Offizielle Informationen wurden damals kaum veröffentlicht – auch das ein Zeichen der Zeit.
Vermächtnis: Zwischen Avantgarde und Erinnerungskultur
Klaus Nomi blieb auch nach seinem Tod zunächst eine Kultfigur – verehrt in Underground-Kreisen, ignoriert vom Mainstream. Erst in den 1990er Jahren entdeckte eine neue Generation queerer Künstler:innen seine Bedeutung.
Der Dokumentarfilm „The Nomi Song“ (2004) von Andrew Horn brachte ihm späte Anerkennung. Heute gilt er als Wegbereiter einer queeren Pop-Ästhetik, die sich nicht an Geschlechtergrenzen hält. Künstlerinnen wie Lady Gaga, Björk oder Peaches nennen ihn als Einfluss.
Seine Mischung aus klassischem Gesang, elektronischer Musik und visuellem Konzept war einzigartig. Noch bemerkenswerter aber ist, dass er in einer Zeit der Unsichtbarkeit schwuler Künstler so offen, so kühn und so kompromisslos auftrat – und damit eine Spur hinterließ, die bis heute leuchtet.

