HomeSzeneWienBriefe des Dichters W. H. Auden an Wiener Liebhaber entdeckt

Briefe des Dichters W. H. Auden an Wiener Liebhaber entdeckt

Eine überraschend entdeckte Briefsammlung offenbart neue Details über das Privatleben des berühmten Dichters W. H. Auden und seine Beziehung zu einem Wiener Automechaniker.

Bei einer bemerkenswerten Entdeckung sind rund 100 bislang unbekannte Briefe und Postkarten des britisch-amerikanischen Dichters Wystan Hugh Auden (1907–1973) aufgetaucht. Die zwischen Ende der 1960er-Jahre und Audens Tod entstandenen Schriftstücke richten sich an Hugo Kurka, einen Wiener Automechaniker mit bewegter Vergangenheit und offenbar langjährigem Liebhaber des Dichters.

Enge Verbindung zu einem Wiener aus dem Arbeitermilieu

Hugo Kurka (1937–2012), bisher nur eine Randfigur in der Forschung zu W. H. Auden, war offenbar nicht nur ein Callboy, sondern ein enger Vertrauter des Dichters. Das zeigt eine neu entdeckte Korrespondenz, die von Sandra Mayer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Literaturwissenschaftler Helmut Neundlinger von der Universität Krems ausgewertet wird.

„Auden hatte eine echte, tiefe Verbindung zu diesem Mann, den er liebevoll ‚Hugerl‘ nannte“, sagt Mayer gegenüber science.ORF.at . Ab 1958 verbrachte der Dichter jeden Sommer in Kirchstetten, einem kleinen Ort in Niederösterreich. Von dort aus pflegte er Kontakte zur Wiener Szene, in der er auch Kurka kennengelernt haben dürfte – anfangs gegen Bezahlung, später als Begleiter und Freund.

ORF-Beitrag führt zur Entdeckung

Die Briefsammlung wurde nach einem Fernsehbeitrag in der ORF-Sendung „Niederösterreich heute“ entdeckt. Wenige Stunden nach der Ausstrahlung meldete sich eine Bekannte Kurkas‘ bei Helmut Neundlinger. Sie hatte den Nachlass des im Jahr 2012 verstorbenen Mechanikers geerbt, da dieser und seine Ehefrau kinderlos geblieben waren.

„Sie war mit dem Paar befreundet und wusste von der Beziehung zu Auden“, erzählt Neundlinger. Die Korrespondenz kam daraufhin in die Landessammlung Niederösterreich und wird nun systematisch ausgewertet und digitalisiert.

Einsamkeit und Nähe im Spätwerk

Für die Forschung sind diese Briefe ein Glücksfall. Sie geben Einblick in Audens emotionale Welt und das soziale Umfeld seiner letzten Lebensjahre in Österreich. „Wir sehen Auden als jemanden, der durchaus einsam war, aber in Hugo Trost und Nähe fand“, sagt Mayer.

Überraschend sei der respektvolle und auf Augenhöhe gehaltene Ton in den Briefen. Trotz seiner Korrespondenz mit internationalen Intellektuellen wie Hannah Arendt oder Igor Strawinsky pflegte Auden eine intensive Beziehung zu einem Mann aus dem Wiener Arbeitermilieu. Selbst als dieser wegen Einbruchsdiebstahls verurteilt wurde, blieb Auden ihm verbunden. Auden vermittelte ihm sogar einen Anwalt.

Queere Lebensrealitäten in der Nachkriegszeit

Die Briefe liefern nicht nur literarische, sondern auch gesellschaftshistorische Erkenntnisse. Sie werfen ein neues Licht auf queere Lebensrealitäten in der konservativen Nachkriegsgesellschaft Österreichs. Erst 1971 wurde Homosexualität im Land entkriminalisiert.

„Auden lebte mit Chester Kallman offen als Paar in Kirchstetten“, sagt Neundlinger. Die Dorfgemeinschaft habe dies toleriert, vermutlich weil sie wussten, dass ein berühmter Künstler unter ihnen lebte. Auden pflegte auch enge Kontakte zu lokalen Autoritäten wie dem Pfarrer, dem Bürgermeister und dem Landarzt.

Neue Perspektiven auf Audens Leben in Österreich

Zusammen mit dem Zentrum für queere Geschichte QWIEN sollen die Briefe nun umfassend aufgearbeitet werden. Ziel ist es, nicht nur das literarische Schaffen Audens besser zu verstehen, sondern auch die queere Geschichte Österreichs differenzierter zu dokumentieren.

Ein bereits jetzt sichtbarer Aspekt: Audens Haus in Kirchstetten war zugleich Rückzugsort und symbolischer Freiraum – ein „öffentliches Versteck“, wie Neundlinger es nennt. Die Briefe machen deutlich, wie vielschichtig Audens Leben in Österreich war – geprägt von literarischer Produktivität, emotionaler Nähe und sozialem Spagat.

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