Wie SOS-Kinderdorf in einer Pressemitteilung mitteilte, liegen im Opferschutzverfahren acht dokumentierte Fälle vor, die den Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, betreffen. Die Vorfälle sollen sich zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren an vier Standorten in Österreich ereignet haben. Weitere Fälle können nicht ausgeschlossen werden.
„Die Betroffenen haben die Geschehnisse im Rahmen des Opferschutzverfahrens plausibel dargelegt“, erklärte die Geschäftsführerin Annemarie Schlack. Entscheidungen über Entschädigungen erfolgten auf Basis einer Plausibilitätsprüfung; es handelte sich dabei nicht um eine forensische Untersuchung. Alle acht Betroffenen wurden mit bis zu 25.000 Euro entschädigt. Zusätzlich übernahm SOS-Kinderdorf die Kosten für Therapieeinheiten.
Interne Aufarbeitung und neue Erkenntnisse
Im Zuge jüngster interner Recherchen und im Rahmen einer groß angelegten Aufarbeitung seien historische Akten erneut überprüft worden, so die Organisation. Dabei seien die acht Fälle gegen den Gründer „ausgehoben“ worden. Schlack betonte: „Aufarbeitung gilt für alle – unabhängig von Rolle, Funktion, Verdiensten, Zeitraum, Einfluss oder Symbolkraft. Niemand steht über dem Prinzip der Verantwortung, auch nicht Gründerfiguren.“
In den vergangenen Wochen hätten sich weitere Betroffene und Mitarbeitende gemeldet. Alle Meldungen werden dokumentiert, geprüft und bearbeitet. Derzeit liegen 67 Hinweise vor, die über verschiedene Meldestellen an die Organisation herangetragen wurden.
Bruch mit einem idealisierten Bild
Die neue Geschäftsführerin betrachtet die aktuelle Vorgehensweise als bewussten Bruch mit der idealisierten Organisationsgeschichte: „Wir müssen anerkennen, dass das System der Vergangenheit Spuren in der Gegenwart hinterlassen hat. Von dieser Vergangenheit trennen wir uns jetzt – nicht durch ein Update, sondern durch einen umfassenden Neustart.“
Auch das bisherige „Heile-Welt-Image“ des SOS-Kinderdorfes soll kritisch hinterfragt werden. Heute leben nur noch wenige Kinder in klassischen Kinderdorffamilien, die meisten der rund 1.800 betreuten Kinder und Jugendlichen wohnen in professionell begleiteten Wohngemeinschaften.
Unabhängige Reformkommission und Sonderbeauftragte
SOS-Kinderdorf will seine Vergangenheit lückenlos aufarbeiten und setzt dabei auf externe Kontrolle. Zu diesem Zweck wurde eine unabhängige Reformkommission eingerichtet, der sämtliche historischen Unterlagen zur Verfügung gestellt werden.
Parallel dazu wurde eine Sonderbeauftragte für die Aufarbeitung eingesetzt. Dieses Team soll alle noch offenen oder unvollständig aufgearbeiteten Fälle untersuchen und die Ergebnisse regelmäßig an die Geschäftsführung und den Aufsichtsrat berichten.
„Aufarbeitung und Neuaufstellung laufen gleichzeitig“, so Schlack. „Wir öffnen unsere Archive vollständig und unterstützen die unabhängige Reformkommission bei ihrer Arbeit.“
Organisationsentwicklungsprozess „SOS-Kinderdorf neu“
Neben der historischen Aufarbeitung startet SOS-Kinderdorf einen extern begleiteten Veränderungsprozess, der bis Ende 2026 laufen soll. Ziel ist es, Verantwortung, Kontrolle und Transparenz dauerhaft auf allen Ebenen zu verankern. Der Prozess umfasst die Entwicklung eines neuen Leitbilds, die Neuordnung von Strukturen und Entscheidungswegen sowie einen Kultur- und Führungswandel.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Beteiligung der Mitarbeitenden. „Unsere Pädagoginnen, Psychologen und Fachkräfte leisten tagtäglich unverzichtbare Arbeit. Auf diese Kompetenz bauen wir – sie ist die Grundlage für eine moderne, überprüfbare Kinderschutzorganisation“, erklärte Schlack.
Entstehung und weltweite Bedeutung der Organisation
Hermann Gmeiner wurde am 23. Juni 1919 in Vorarlberg geboren. Im Jahr 1949 gründete er den Verein „Societas Socialis” (SOS), der später in „SOS-Kinderdorf” umbenannt wurde. Das Ziel bestand darin, Kindern ohne Eltern ein familiäres Umfeld zu schaffen.
Noch im selben Jahr wurde in Imst (Tirol) das erste Familienhaus errichtet. Am 24. Dezember 1950 zogen die ersten fünf Waisenkinder mit einer SOS-Mutter dort ein. In den 1960er- und 1970er-Jahren weitete sich die SOS-Idee schließlich weltweit aus. Heute ist SOS-Kinderdorf in rund 135 Ländern aktiv.
SOS-Kinderdorf bittet weitere Betroffene, sich zu melden
Gmeiner starb am 26. April 1986 im Alter von 67 Jahren an Krebs, er war ledig und kinderlos. Das SOS-Kinderdorf bittet mögliche weitere Betroffene, sich vertraulich an die Meldestelle [email protected] oder über die Ombudsstellen unter www.sos-kinderdorf.at/meldestelle zu wenden.
Ausgelöst wurden die aktuellen Enthüllungen durch Recherchen der Wochenzeitung Falter, die Missbrauchsvorwürfe gegen das SOS-Kinderdorf am Standort Moosburg (Kärnten) publik machten. Kurz darauf meldeten sich weitere Betroffene. Mittlerweile ermitteln die Staatsanwaltschaften in Klagenfurt, Innsbruck und Salzburg.

