HomeMagazinFilmtipp"High Tide": Zwischen Zugehörigkeit und Fremdsein an der US-Küste

„High Tide“: Zwischen Zugehörigkeit und Fremdsein an der US-Küste

Der Debütfilm von Marco Calvani erzählt von Migration, Begehren und der Suche nach Gemeinschaft. Im Zentrum steht Lourenço, gespielt von Marco Pigossi, der in Provincetown um Status, Nähe und Selbstannahme ringt.

Mit „High Tide“ gibt der italienische Regisseur und Drehbuchautor Marco Calvani sein Langfilmdebüt. Der Film begleitet Lourenço, einen queeren Einwanderer aus Brasilien, der in der Küstenstadt Provincetown zurechtkommen muss. Das Setting wirkt dabei sowohl intim als auch abweisend. Der zweisprachige Film (Englisch/Portugiesisch) stellt Fragen nach Identität, Körperlichkeit und Zugehörigkeit in den Vordergrund.

Späte Sommertage in Provincetown, intim und verletzlich

Lourenço arbeitet, kämpft und wartet. Sein Touristenvisum läuft aus, sein Ex-Partner ist verschwunden und seine Tage verlieren ihre Konturen. In dieser Schwebe trifft er auf Maurice, einen afroamerikanischen Krankenpfleger, gespielt von James Bland. Zwischen den beiden entsteht eine zarte, flüchtige Verbindung. Die Begegnung erzählt von Anziehung, aber vor allem von der Sehnsucht nach Heimat und einer tragenden Gemeinschaft.

„High Tide“ überzeugt durch seine visuelle Sprache. Die späten Sommertage in Provincetown, das Meer und der leere Strand spiegeln die innere Unruhe der Figur wider. Die Bilder sind sinnlich und wunderschön in Szene gesetzt.

Auch Marco Pigossi sticht durch seine Präsenz hervor. Als Lourenço liefert er eine eindringliche Schauspielleistung, die von Melancholie und roher Schmerzen geprägt ist, aber auch Momente der Offenheit zeigt. Thematisch bietet der Film eine dezidiert queere Perspektive auf Exil, Intimität und Verletzbarkeit. Beeindruckend ist auch, wie Calvani stille Räume schafft und gängigen Emigrations- oder Queer-Dramaturgien eine Alternative entgegensetzt.

Einige handwerkliche Schnitzer trüben das Filmerlebnis

Im letzten Drittel driftet die Geschichte allerdings in konventionellere, melodramatische Bahnen ab. Dadurch wird der zuvor ruhige Ton gebremst und die Balance verschoben. Auch die Dialoge und Übergänge hätten mehr Subtilität vertragen. Man könnte fast von einem Mangel an Geschick beim Drehbuch und bei der Regie sprechen. Zudem fokussiert sich das Milieu auf privilegierte Räume wie Ferienhäuser in Provincetown. Einige Kritiken sehen darin ungenutztes Potenzial für die Behandlung von Klassen- und Machtfragen.

Warum funktioniert das nicht? Der Film fängt das Gefühl des Dazwischen ein: Migration, Prekarität, ein unsicherer Aufenthaltsstatus. Er stellt Körper und Begehren als offene Fragen dar. Eine exemplarische Szene zeigt Lourenço im ruhigen Meer. Die Kamera beobachtet, die Stille trägt.

Anstelle großer Showdowns setzt Calvani auf Atmosphäre, Pausen und Blickachsen. Das spricht ein Publikum an, das leise, aber präzise erzählte Dramen schätzt. „High Tide“ ist geeignet für Zuschauer:innen, die queere Liebesgeschichten im globalen Kontext suchen, für Fans ästhetisch sensibler Arbeiten und für alle, die sich für Migration, prekäre Aufenthaltsverhältnisse und Intimität interessieren.

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High Tide
USA 2024 | Drama/Romanze | OmU | 101 Minuten
Regie: Marco Calvani | Besetzung: Bill Irwin, James Bland, Marco Pigossi, Marisa Tomei, Mya Taylor

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