[publishpress_authors_box layout="ppma_boxes_75184"]
HomePolitikEuropaRob Jetten: Offen schwuler Politiker könnte jüngster Premier der Niederlande werden

Rob Jetten: Offen schwuler Politiker könnte jüngster Premier der Niederlande werden

Rob Jetten, der 38-jährige Spitzenkandidat der linksliberalen D66, hat bei den niederländischen Parlamentswahlen überraschend stark abgeschnitten. Seine Partei liegt laut aktuellen Hochrechnungen gleichauf mit der Rechtsaußen-Partei PVV von Geert Wilders. Jetten könnte nun als erster offen schwuler Politiker Ministerpräsident werden.

Die niederländische Parlamentswahl hat ein überraschend knappes Ergebnis gebracht. Nach Auszählung von rund 90 Prozent der Stimmen liegen die linksliberale D66 von Rob Jetten und die radikal-rechte „Partei für die Freiheit“ (PVV) von Geert Wilders mit jeweils 26 Sitzen gleichauf. Damit beanspruchen beide Parteien die Spitzenposition im 150 Sitze zählenden Parlament. Das endgültige Wahlergebnis wird im Laufe des Tages erwartet.

Während Jettens Partei bei der letzten Wahl 2023 lediglich neun Mandate erhielt, konnte sie dieses Mal 17 Sitze hinzugewinnen. Die PVV verlor hingegen deutlich an Zustimmung: Bei der letzten Wahl hatte Wilders noch 37 Mandate geholt. Trotz des Gleichstands dürften die Chancen auf eine Regierungsbildung bei D66 liegen, da alle großen Parteien eine Koalition mit Wilders bereits ausgeschlossen haben.

Optimistische Botschaft kam an

Jetten zeigte sich im Wahlkampf auffallend präsent und optimistisch. Mit dem Slogan „Het kan wel“ – zu Deutsch: „Es ist möglich“ – wollte er bewusst einen Kontrast zur polarisierenden Rhetorik von Geert Wilders setzen. „Er sät Spaltung“, warf Jetten seinem Konkurrenten vor. Seine Auftritte wirkten frisch und nahbar. Fast täglich war er in Talkshows oder Nachrichtensendungen zu sehen. Einmal sprang er sogar für Wilders ein, der aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgesagt hatte.

- Werbung -

Der D66-Spitzenkandidat war auch in Unterhaltungsshows zu Gast, darunter im populären TV-Quiz „De Slimste Mens“ („Der klügste Mensch“). Medienanalyst:innen attestieren ihm ein gutes Gespür für Inszenierung und Timing. In einem Interview sagte er über seinen Wahlerfolg: „Manchmal läuft es einfach verrückt in der Politik.“

Privates bleibt meist privat – mit Ausnahmen

Obwohl Jetten sein Privatleben in der Politik weitgehend ausklammert, hat er in der Vergangenheit immer wieder auf die Bedeutung von Sichtbarkeit und Akzeptanz hingewiesen. So veröffentlichte er 2020 ein Video, in dem er schwulenfeindliche Hassnachrichten vorlas, um auf den internationalen Tag gegen Queerfeindlichkeit aufmerksam zu machen.

Jetten ist mit dem argentinischen Nationalspieler Nicolás Keenan verlobt, der in Den Haag für den Hockeyklub Klein Zwitserland spielt. Die beiden Männer lernten sich 2022 in einem Supermarkt kennen und im November desselben Jahres folgte der Heiratsantrag. Die Hochzeit ist laut BBC für nächstes Jahr geplant. „Ich habe immer gesagt, die Ehe sei nichts für mich. Aber bei Keenan hat es sich einfach richtig angefühlt“, sagte Jetten dem niederländischen Portal nouveau.nl.

Aufstieg eines Politik-Nerds

Rob Jetten wuchs in der Provinz Brabant auf und outete sich bereits in jungen Jahren. Schon als Kind galt er als politisch interessiert. Nach einem Studium und einigen Jahren im Verkehrssektor stieg er bei der Bahn-Infrastrukturfirma ProRail ein, bevor er 2017 ins Parlament gewählt wurde. 2021 übernahm er als Klimaminister ein zentrales Ressort in der Regierung unter Mark Rutte. Seine ambitionierte Klimaagenda stieß jedoch nicht überall auf Zustimmung – ein Kollege nannte ihn „zu forsch“. Der Ukraine-Krieg und steigende Energiepreise machten viele seiner Pläne zunichte.

Trotz Rückschlägen – darunter eine schwache Wahl im Jahr 2023 und kritische Medienauftritte, aufgrund derer er den Spitznamen „Robot Jetten“ erhielt – hat er sich als fester Bestandteil der niederländischen Politik etabliert. Unterstützer vergleichen ihn mit dem früheren Premierminister Mark Rutte: Er sei stets freundlich, pragmatisch und belastbar.

Schwierige Regierungsbildung erwartet

Mit 15 Parteien im neuen Parlament steht den Niederlanden eine komplizierte Regierungsbildung bevor. Zwar könnte Jetten rechnerisch auf eine Mehrheit kommen, doch dafür müssten mehrere Parteien zusammenarbeiten. Die bisher regierende rechtsliberale VVD erreicht laut Hochrechnung 22 Sitze, das rot-grüne Bündnis GroenLinks-PvdA 20 Mandate.

Der bisherige Premierminister Dick Schoof war erst vor einem Jahr ins Amt gekommen, nachdem Geert Wilders mit seiner PVV erstmals Teil einer Regierungskoalition geworden war. Diese zerbrach allerdings nach nur elf Monaten, da Wilders den Koalitionspartnern vorwarf, Vereinbarungen zur Asylpolitik nicht eingehalten zu haben.

Ob Jetten genug politische Erfahrung und Rückhalt besitzt, um eine tragfähige Regierung zu bilden, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch: Die Niederlande stehen vor einem politischen Umbruch mit einem möglichen Premierminister, der für Aufbruch, Diversität und einen neuen Stil steht.

Aktuelle Empfehlungen