In einer umstrittenen Aussendung stellen der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp und sein Parteikollege Leo Lugner die Förderung des queeren Beratungsvereins Courage infrage. Dabei nehmen die Freiheitlichen den Fall „Frau Waltraud“ zum Anlass, um auch grundlegende Rechte von trans Personen öffentlich infrage zu stellen.
Nepp: LGBTI-Beratung ist „Schlag ins Gesicht jedes Steuerzahlers“
Laut dem Schwiegersohn des verstorbenen Baumeisters sei Courage „maßgeblich an der Geschlechtsänderung von Frau Waltraud beteiligt und habe ihr sogar den Psychologen empfohlen, der dieses Gutachten erstellt hat”.
Nepp spricht von einem „Schlag ins Gesicht jedes Steuerzahlers“ und kritisiert, dass sich Menschen „auf Basis fragwürdiger Gutachten ihr Geschlecht umschreiben lassen“. Das System rund um Geschlechtsanpassungen sei laut den beiden FPÖ-Politikern „absurd“ und „aus den Fugen geraten“.
Courage weist die FPÖ-Vorwürfe scharf zurück
Die Beratungsstelle weist die Vorwürfe scharf zurück: „Der Verein Courage hat Walter alias Waltraud keinerlei Unterstützung für eine Personenstands- und Vornamensänderung ausgestellt“, stellt Johannes Wahala, Leiter der Beratungsstelle, klar. „Ebenso hat es keinen Verweis an einen Psychiater gegeben. Dass wir hier verantwortungsvoll vorgehen, zeigt klar unsere professionelle Vorgangsweise bei der Diagnostik von Transgeschlechtlichkeit.“
„Wir vergeben Stellungnahmen erst nach wissenschaftlich fundierter Diagnostik, mehreren Gesprächen und interner Fallkonferenz“, erklärt Wahala und ergänzt: „Im Erstgespräch geht es nur um eine Informationsvermittlung und eine erste Abklärung. Im Fall Walter alias Waltraud ist die Person nach dem Erstgespräch nicht mehr erschienen – daher kam es zu keiner weiteren Begleitung.“
Trans-Aktivistin warnt vor gezielter Hetze
Auch Valerie Lenk, Gründerin der Beratungsstelle „Trans* Vielfalt“, ist über die Wortwahl der FPÖ empört. Gegenüber der Kronen Zeitung findet sie klare Worte: „Es gibt massive Bemühungen gegen trans Menschen.“ Für Lenk ist klar, dass hinter dem öffentlichen Auftreten von Personen wie „Frau Waltraud“ ein ideologischer Feldzug steht.
„Walter hat nichts mit Transgender zu tun. Er nutzt den Rechtsweg, um Minderheiten anzugreifen“, so Lenk. Sie sieht in der medialen Inszenierung kein Interesse an einer sachlichen Debatte. „Er hat sich mit unlauteren Mitteln eine Bühne erarbeitet und schafft die Basis für Hetze.“ Der Fall sei kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für eine größere politische Agenda.
Nun reagiert auch der Wiener Magistrat
Eine Ansicht, die auch der Wiener Magistrat teilen dürfte. Wie die Krone berichtet, hat die zuständige MA 62 ein Berichtigungsverfahren zur Änderung des Geschlechtseintrags eingeleitet. Die Behörde sieht einen Widerspruch zwischen den öffentlichen Aussagen und dem psychiatrischen Befund, demzufolge bei der Person „eine Störung der Geschlechtsidentität“ bzw. „Transsexualismus“ vorliegt.
Außerdem vermisse die Behörde einen „Hinweis auf einen nach außen erkennbaren Transitionsprozess und einen damit verbundenen Alltagstest“. „Waltrauds“ Anwalt Nikolaus Rast ist empört: „Wer gibt vor, wie sich eine Frau zu fühlen hat? Nur, weil Gott wollte, dass Waltraud eine Glatze hat, darf sie sich dennoch als Frau fühlen“, sagte er der Tageszeitung.
„Brandgefährliche“ Rhetorik
Lenk warnt außerdem vor der zunehmenden Verbreitung rechter Narrative in der öffentlichen Debatte. „Konservative und rechte Ideologien hetzen derzeit massiv gegen trans Menschen“, sagt sie. Für viele Betroffene sei die aktuelle Stimmungslage sehr belastend. „Viele trans Menschen erleben derzeit eine gefährliche Stimmung in der Gesellschaft“, so die Expertin.
Sie zieht eine direkte Verbindung zwischen der Rhetorik der FPÖ und den Mechanismen rechter Propaganda. „Da werden Ideologien verbreitet, die gegen uns hetzen – das ist brandgefährlich.“ Durch gezielte Kampagnen sei das gesellschaftliche Klima aufgeheizt worden, was sich auch in vermehrten Anfeindungen gegenüber trans Personen niederschlage.
Zahl der trans Personen deutlich höher als angenommen
Weltweit identifizieren sich laut internationalen Studien zwischen 0,35 und 0,6 Prozent der Bevölkerung als trans. Umgerechnet auf Österreich wären das bis zu 40.000 Menschen, von denen ein großer Teil – anders als „Frau Waltraud” – unsichtbar ist.
Für Lenk ist das ein weiterer Beleg dafür, wie wenig Sichtbarkeit trans Menschen in der Gesellschaft erhalten und wie leicht ihre Rechte zur Zielscheibe politischer Stimmungsmache werden. „Mit Transgender hat das, was Walter betreibt, nichts zu tun – das ist reine Ideologie“, fasst sie zusammen.

