Rudolf Nurejew wurde am 17. März 1938 in einem Eisenbahnwaggon nahe dem Baikalsee geboren – ein beinahe symbolischer Auftakt für ein Leben, das von Bewegung und Grenzüberschreitungen geprägt sein sollte. Seine Kindheit in einer muslimisch-tatarischen Familie war von Armut und kultureller Strenge geprägt. Schon früh entwickelte er eine Leidenschaft für Musik und Tanz, die ihn schließlich an die berühmte Vaganova-Akademie in Leningrad brachte.
Nurejews Flucht sorgte mitten im Kalten Krieg für eine veritable Krise
Mit seinem Eintritt in das Kirov-Ballett (heute Mariinsky) begann 1958 seine professionelle Laufbahn. Auf sowjetischen Bühnen wurde er schnell zum Star. Doch das Korsett der sowjetischen Kulturbürokratie war ihm zu eng.
Im Jahr 1961, während einer Tournee in Paris, entzog sich Nurejew den KGB-Begleitern am Flughafen Le Bourget und bat um politisches Asyl. Diese spektakuläre Flucht wurde weltweit zur Schlagzeile – ein mutiger Akt der Selbstermächtigung, der ihn über Nacht zur Ikone machte.
Einer der gefragtesten Tänzer der westlichen Welt
In der Folge wurde Nurejew zu einem der gefragtesten Tänzer der westlichen Welt. In London tanzte er mit Margot Fonteyn, mit der ihn eine lebenslange künstlerische Freundschaft verband.
Er bereiste die wichtigsten Bühnen Europas und Nordamerikas, wurde als Choreograf aktiv und prägte das moderne Männerbild im klassischen Ballett entscheidend mit. Kraftvoll, virtuos, expressiv – Nurejews Stil sprengte traditionelle Rollenbilder. Er war nicht nur Begleiter der Primaballerina, sondern Hauptfigur, Ausdrucksträger, Star.
Wien wurde Nurejews neue Heimat
Auch Wien wurde zu einem bedeutenden Ort in seiner Karriere. Bereits Anfang der 1960er-Jahre trat er an der Wiener Staatsoper auf. Besonders seine Choreografie von Tschaikowskis „Schwanensee“ im Jahr 1964 sorgte für Aufsehen. Sie zeigte Nurejew nicht nur als Tänzer, sondern als Gestalter einer neuen Ballett-Ästhetik, die psychologische Tiefe und technische Brillanz verband.
Die Verbindung zu Österreich vertiefte sich weiter: 1982 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft – ein symbolischer Akt für einen Mann, der bis dahin staatenlos war. Für Nurejew bedeutete das nicht nur Erleichterung beim Reisen, sondern auch eine kulturelle Heimat im Herzen Europas. „Österreich war großzügig – und es war auch ein Ort, der mich als Künstler ernst nahm“, soll er einmal gesagt haben.
Rudolf Nurejew wurde zur queeren Ikone
Neben seinem künstlerischen Wirken wurde Nurejew im Laufe der Jahre auch zu einer queeren Ikone – ohne sich je aktiv politisch zur LGBTI-Bewegung zu bekennen. Doch sein Leben war Statement genug. In einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich tabuisiert war – in der Sowjetunion sogar strafbar –, lebte er offen schwul. Im Westen bewegte er sich sichtbar in der schwulen Szene, in Clubs, bei Empfängen, in Künstlerkreisen. Er war Teil der vibrierenden Subkultur von New York, London, Paris – und tanzte gleichzeitig auf den renommiertesten Bühnen der Welt.
Eine seiner bekanntesten Beziehungen war die mit dem dänischen Tänzer Erik Bruhn. Ihre Verbindung war intensiv, von gegenseitigem Respekt und Eifersucht geprägt. Auch wenn sie nie offiziell als Paar auftraten, galt ihre Beziehung in Insiderkreisen als bekannt.
Später lebte Nurejew mit Robert Tracy zusammen, einem jungen amerikanischen Tänzer, der ihn bis zu seinem Tod begleitete. Über seine Beziehungen sprach Nurejew öffentlich nie. Doch sein Lebensstil, sein Auftreten und sein Umfeld machten seine Identität unübersehbar.
Nurejew lebte seine Queerness über seine Präsenz
Nurejew lebte seine Queerness nicht über politische Botschaften, sondern über Präsenz. Er inszenierte sich modisch, körperlich, künstlerisch. Sein Stil – enge Hosen, fließende Hemden, auffällige Accessoires – war Teil seines Ausdrucks.
Auf der Bühne zeigte er Emotionalität, Verletzlichkeit, Leidenschaft – Eigenschaften, die männlichen Tänzern lange abgesprochen wurden. Damit inspirierte er Generationen von Tänzern, die jenseits traditioneller Geschlechterrollen arbeiten wollten.
Die Aids-Krise holte Nurejew schließlich ein
In den 1980er-Jahren holte ihn eine andere Realität ein: die Aids-Krise. Zahlreiche Freund:innen und Weggefährten erkrankten oder starben, darunter auch Erik Bruhn. 1984 wurde auch bei Nurejew HIV diagnostiziert. Wie viele Künstler seiner Zeit schwieg er über die Krankheit – teils aus persönlichem Schutz, teils wegen der Stigmatisierung, die damals mit einer solchen Diagnose verbunden war.
Doch auch nach der Diagnose arbeitete Nurejew unermüdlich weiter. Als Künstlerischer Leiter des Pariser Opernballetts prägte er den Stil des Ensembles, choreografierte große Produktionen und hielt bis zuletzt an seiner Bühnenpräsenz fest. In Wien blieb er ebenfalls sichtbar – durch Gastspiele, Engagements und die bleibende Erinnerung an seine früheren Inszenierungen.
Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich in den frühen 1990er-Jahren zunehmend. Öffentliche Auftritte wurden seltener, doch wenn er erschien, war seine Ausstrahlung ungebrochen. Am 6. Jänner 1993 starb Rudolf Nurejew in Paris an den Folgen von Aids. Sein Tod löste weltweit Bestürzung aus – nicht nur in der Tanzwelt, sondern auch in der queeren Community, für die er eine symbolische Figur geworden war.
Ein radikaler Akt der Selbstverwirklichung
Nurejews Leben lässt sich heute als radikaler Akt der Selbstverwirklichung lesen: Er brach mit Herkunft, Konventionen, Geschlechterrollen. Er verkörperte das Prinzip, dass Kunst nicht von Identität zu trennen ist – und dass beides mutig gelebt werden kann.
Seine queere Sichtbarkeit war nie laut, aber unübersehbar. Sein künstlerisches Erbe reicht weit über das klassische Ballett hinaus. Und seine Verbindung zu Österreich – als Wirkungsstätte, als kulturelles Zuhause – bleibt ein bedeutendes Kapitel dieses außergewöhnlichen Lebens.

