HomeSzeneWienErste queere Senioren-WG Wiens eröffnet im Rudolf-Hundstorfer-Hof

Erste queere Senioren-WG Wiens eröffnet im Rudolf-Hundstorfer-Hof

In der Wiener Stumpergasse im 6. Bezirk hat die Volkshilfe eine neue Wohngemeinschaft eröffnet, die es so in Österreich noch nicht gab: eine queere WG speziell für Seniorinnen und Senioren. Das Projekt richtet sich an Menschen ab 60 Jahren, die queer leben, sich ein selbstbestimmtes Leben wünschen und gleichzeitig nicht alleine wohnen möchten. Der Standort befindet sich im neu errichteten Rudolf-Hundstorfer-Hof, einem Gemeindebau mit barrierefreier Ausstattung.

Die WG bietet auf 170 Quadratmetern Platz für sechs Bewohner:innen. Jedes Zimmer ist etwa zwölf Quadratmeter groß. Hinzu kommen drei Bäder, zwei WCs sowie große Gemeinschaftsbereiche und eine rund 40 Quadratmeter große Terrasse. Die monatliche Miete liegt zwischen 750 und 780 Euro – sämtliche Kosten für Strom, Wasser, Heizung, WLAN, Reinigung und sozialarbeiterische Begleitung sind inkludiert.

Idee entstand im Regenbogentreff der Stadt Wien

Die Initiative zur queeren WG stammt aus dem „Regenbogentreff“, einem Angebot der Pensionist:innenklubs der Stadt Wien. Dort wurde der Wunsch nach einer sicheren, inklusiven Wohnform für ältere queere Menschen laut. Mit dem Neubau des Gemeindebaus in Mariahilf wurde das Konzept umgesetzt. Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Julia Lessacher (SPÖ) sagt: „Die Volkshilfe war sofort begeistert.“

Volkshilfe-Geschäftsführerin Tanja Wehsely betont, dass Inklusion heute selbstverständlich ist: „Wir diskutieren das nicht mehr. Das gibt es jetzt einfach – das ist Standard.“ Mit diesem Projekt soll queeres Leben im Alter sichtbar und selbstverständlich werden.

Günter Tolar erinnert an gescheiterte Versuche in den 1990er-Jahren

Schauspieler und Moderator Günter Tolar war bei der Eröffnung der WG anwesend. Er unterstützt das Projekt seit Jahren. Bereits 1999 habe er im Rahmen seiner Tätigkeit bei der sozialdemokratischen LGBTI-Organisation SoHo eine ähnliche WG ins Leben rufen wollen. „Wir hatten keine Geldgeber. Der Einzige, der uns geholfen hätte, war der Rudi Hundstorfer“, sagte Tolar bei der Pressekonferenz.

Dass das Projekt jetzt ausgerechnet in einem nach ihm benannten Gemeindebau Realität geworden ist, freut ihn besonders. „Es ist ein schöner Schritt, der die Menschen beruhigt, ihnen Mut gibt, raus aus ihrem Versteck zu kommen und offen zu sein, wie sie sind“, so Tolar.

Möbelspende von Ikea unterstützt das Projekt

Für die Einrichtung der Gemeinschaftsbereiche der queeren WG stellte Ikea Österreich Möbel zur Verfügung. „In einem Leben sammeln sich viele Dinge an. Da braucht man vor allem viel Stauraum“, sagt Nicole Steger, Diversity Inclusion Equality Leader bei Ikea Österreich. Die Unterstützung der queeren Community sei dem Unternehmen ein wichtiges Anliegen.

Seit Anfang des Jahres informiert die Volkshilfe über das Projekt, unter anderem auf Social Media. Dabei wurde auch Kontakt zu interessierten Personen aus der Community aufgebaut, wie Silvia Zechmeister, Fachbereichsleiterin für Soziale Arbeit bei der Volkshilfe, erklärt.

Drei Personen zeigen Interesse – Einstieg mit Probemonat möglich

Aktuell haben drei Menschen konkretes Interesse am Einzug gezeigt. „Sie wollen sich aber vorab erst noch besser kennenlernen“, sagt Zechmeister. Ein erstes Kennenlernen und ein Probemonat sind vorgesehen, bevor ein unbefristeter Untermietvertrag mit der Volkshilfe abgeschlossen wird. Die Kündigungsfrist beträgt einen Monat.

Ein Mindest- oder Höchstalter gibt es nicht. Wichtig sei nur, dass alle ihren Alltag eigenständig bewältigen können. Ambulante Betreuungsdienste stehen bei Bedarf zur Verfügung. Zwei sozialarbeiterische Besuche pro Woche sollen helfen, die Organisation im WG-Alltag – etwa bei Einkäufen, Haushaltsführung oder Putzplänen – gemeinsam zu regeln. „Wir schauen aber drauf, dass wir möglichst nicht gebraucht werden“, so Wehsely.

Angst vor Outing könnte Einzug erschweren

Ob das Angebot die ältere queere Community erreicht, ist noch offen. Viele queere Senior:innen haben im Laufe ihres Lebens Diskriminierung erfahren. Das könnte auch heute noch abschrecken. Günter Tolar erinnert sich: „Ich komme ja noch aus einer Zeit, in der ich verboten war.“ Bis 1971 war Homosexualität in Österreich strafbar.

Einige Menschen könnten sich durch den Einzug automatisch als queer zu erkennen geben – ein Schritt, der Überwindung kosten kann. „Aber das Projekt ist höchst willkommen“, sagte Tolar. Die WG soll einen sicheren Ort bieten – für ein Leben in Vielfalt, auch im Alter.

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