Ein verrauchter Spätnachmittag im Jahr 1974, zwei Menschen im Gespräch, ein Tonbandgerät läuft mit. Was sich zunächst unscheinbar anhört, wird in Ira Sachs’ neuem Film „Peter Hujar’s Day“ zur poetischen Miniatur über Nähe, Erinnerung und das kreative Leben inmitten der rauen New Yorker Boheme.
Der Film beruht auf einem echten Gespräch zwischen dem Fotografen Peter Hujar und der Autorin Linda Rosenkrantz, das über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war. Erst 2019 wurde das Transkript in Hujars Nachlass wiederentdeckt – und bildet nun die Grundlage für Sachs’ stilles, feinsinniges Filmprojekt.
Ein Tag als Fenster in eine versunkene Welt
„Es ist eine Stadt, in der alle Kunst machen wollen – aber niemand Geld hat.“ Dieser Satz, den Hujar in dem Gespräch mit Rosenkrantz sagt, durchzieht den gesamten Film wie ein melancholischer Grundton. Es ist ein Blick zurück auf ein New York, das roh, gefährlich, aber auch voller kreativer Energie war – ein urbaner Dschungel, in dem Namen wie Allen Ginsberg, Susan Sontag oder William S. Burroughs nicht mythisch verklärt, sondern alltägliche Gesprächspartner waren.
Ira Sachs macht daraus keinen nostalgischen Bilderbogen, sondern ein intimes Hör-Stück in filmischer Form. Der Film bleibt ganz bei den Stimmen – großartig interpretiert von Ben Whishaw als Peter und Rebecca Hall als Linda –, während die Kamera ruhige Bilder zeigt: Straßenszenen, Zimmerfluchten, Lichtreflexe. Es sind keine historischen Aufnahmen, sondern bewusst gegenwärtige Bilder, die dem Vergangenen Raum geben, ohne es museal zu überhöhen.
Zwischen Kaffee, Kunst und Körper
Das Gespräch zwischen Hujar und Rosenkrantz ist so beiläufig wie präzise: Sie reden über Begegnungen mit Ginsberg, über Literatur, über das Abendessen, über Sex. Immer mit einem feinen Gespür für Zwischentöne, für ironische Distanz und echte Zuneigung. „Er hat so viel mit mir geredet wie sonst mit niemandem“, sagte Rosenkrantz später über das Gespräch. Diese Offenheit ist spürbar – nicht dramatisch aufgeladen, sondern selbstverständlich vertraut.
Gerade in dieser Zurückhaltung liegt die Kraft des Films. Sachs vermeidet jede Form von Erklärung oder Kontextualisierung. Wer Ginsberg nicht kennt, erfährt nicht, wer er war. Wer die künstlerischen Spannungen der 1970er Jahre nicht parat hat, wird sie nicht aus dem Film lernen. Aber genau das erlaubt dem Zuschauer, sich auf das einzulassen, was im Mittelpunkt steht: zwei Menschen, die einander zuhören, ein Künstler, der über seinen Alltag nachdenkt, und ein New York, das durch Sprache und Ton zum Leben erwacht.
Ein Porträt durch Sprache
Der Film setzt ganz auf die Kraft des gesprochenen Wortes. Die Dialoge wurden eins zu eins aus dem Transkript übernommen und von Whishaw und Hall mit seltener Leichtigkeit und Tiefe eingesprochen. Whishaws Stimme verleiht Hujar eine Mischung aus Müdigkeit und Schärfe, ein intellektuelles Charisma ohne Pathos. Hall bringt Wärme und Struktur ins Gespräch, eine fast journalistische Neugier gepaart mit ehrlicher Freundschaft.
Die Inszenierung von Sachs bleibt minimalistisch. Kamera und Schnitt folgen dem Rhythmus des Gesprächs, nicht umgekehrt. Der Film entwickelt dadurch eine fast hypnotische Qualität – ein Kontinuum aus Sprache, Bildern und Erinnerungen, das mehr an ein Hörspiel erinnert als an klassisches Kino. Doch gerade diese Reduktion eröffnet neue Räume: für Assoziationen, für Reflexion, für Präsenz.
Ein Film als Hommage an das Unsichtbare
„Peter Hujar’s Day“ ist keine Biografie im traditionellen Sinn. Vielmehr ist es ein Porträt aus der Peripherie: nicht das große Leben, sondern ein gewöhnlicher Tag; keine mythische Figur, sondern ein Künstler in seiner Alltagsrealität. In dieser kleinen Form liegt eine große Wirkung. Es geht um das Nachdenken über Kunst, das Warten auf Inspiration, das Scheitern an Geld und Struktur – aber auch um Humor, Begehren und Freundschaft.
Ira Sachs gelingt mit diesem Film ein zurückhaltender, kluger Beitrag zur Erinnerung an queere Kunstgeschichte – aber eben nicht als Denkmal, sondern als Momentaufnahme. Es geht nicht darum, Peter Hujar zu erklären oder zu verklären. Vielmehr zeigt Sachs, wie Hujar dachte, sprach und liebte – durch seine eigene Stimme, in einem Gespräch, das 45 Jahre später noch immer lebendig wirkt.
Eine stille Feier der Freundschaft
Am Ende bleibt der Eindruck eines warmen, leisen Films, der sich Zeit nimmt – so wie das Gespräch, aus dem er entstanden ist. Peter Hujar’s Day feiert nicht nur einen viel zu früh verstorbenen Künstler, sondern auch die intime Kraft der Freundschaft und der Sprache. Ohne aufdringliche Musik, ohne große Gesten, aber mit großer Präzision und Empathie.
Es ist ein Film, der dem Zuhören vertraut – und darin eine andere Form des Sehens eröffnet. Ein kleines, tief empfundenes Denkmal an ein verschwundenes New York – und an einen Künstler, der nie gefallen wollte.


