HomeMagazinBuchtipp„Zwei, drei blaue Augen“: Ein Roman über Identität, Freiheit und Rebellion

„Zwei, drei blaue Augen“: Ein Roman über Identität, Freiheit und Rebellion

Mit „Zwei, drei blaue Augen“ legt Victor Schefé ein vielschichtiges Romandebüt vor, das die deutsch-deutsche Geschichte neu erzählt – persönlich, roh und queer. Seine Erzählform bricht mit Konventionen und verwebt Biografie, Erinnerung und literarische Collage.

Tassilo wächst in der DDR auf – genauer gesagt: im Plattenbauviertel von Rostock. Die Kindheit ist geprägt von staatlicher Kontrolle, familiären Spannungen und einer tiefen inneren Unruhe. 1986 wagt er mit 19 Jahren den verbotenen Schritt in den Westen – trotz aller Warnungen seiner Mutter. Drei Jahre später fällt die Mauer, aber für Tassilo beginnt erst dann die eigentliche Konfrontation mit seiner Vergangenheit.

Identität, Freiheit und queere Perspektiven

Tassilos Geschichte ist nicht nur eine Flucht aus einem repressiven Staat, sondern auch eine innere Suche. Als junger, queerer Mann erlebt er mehrfach das Gefühl, keinen Platz zu haben – weder in der DDR noch im Westen. Die gesellschaftlichen Normen, die Vorstellungen von Männlichkeit und Zugehörigkeit kollidieren mit seinen eigenen Empfindungen.

„Ich wollte nicht abhauen. Ich wollte raus“, lässt Schefé seinen Protagonisten sagen. Dieser feine Unterschied durchzieht das gesamte Buch. Es geht nicht nur um das Verlassen eines Systems, sondern um das Finden eines eigenen Weges – in der Kunst, in der Liebe, im Leben.

Roh, rhythmisch, rebellisch: Der Stil als Erlebnis

Der Autor, selbst Schauspieler und Musiker, nutzt sein Gespür für Tempo und Klang auch auf der literarischen Bühne. Die Sprache ist direkt, manchmal schonungslos, oft selbstironisch. Viele Abschnitte wirken wie gesprochene Gedanken, verdichtete Gefühlsausbrüche oder spontane Notizen. Klassische Kapitel gibt es kaum – stattdessen entstehen durch die Form der Collage immer wieder neue Blickwinkel und Stimmungen.

Victor Schefé montiert Briefe, Tagebucheinträge, Erinnerungen und sogar Auszüge aus Stasi-Akten zu einem literarischen Puzzle. Dieser fragmentarische Stil erzeugt einen unmittelbaren Sog – Leser:innen tauchen ein in eine Lebensrealität, die zwischen Rebellion und Verletzlichkeit schwankt. Wer traditionelle Romane mit linearem Aufbau sucht, könnte Schwierigkeiten haben. Doch gerade in dieser Form liegt die Stärke des Buches: Es fühlt sich ehrlich an, nicht geglättet, sondern gelebt.

Die DDR, der Westen – und dazwischen Musik

Der Roman fängt das Lebensgefühl der 1980er in beiden deutschen Staaten eindrücklich ein. Musik spielt dabei eine zentrale Rolle – ob Ghettoblaster im Hinterhof oder Clubs in West-Berlin. Diese kulturellen Verweise verleihen der Erzählung Tiefe und Authentizität. Gleichzeitig zeigt Schefé, wie begrenzt die neue Freiheit nach der Wende sein kann, wenn innere Konflikte ungelöst bleiben.

Besonders stark ist das Buch, wenn es um die queere Erfahrung in einem geteilten Deutschland geht – ein Thema, das in vielen Wenderomanen nur am Rand auftaucht. Hier steht es im Zentrum.

Zwischen Stärken und Schwächen: Ein Debüt mit Wucht

„Zwei, drei blaue Augen“ beeindruckt mit Energie und Dringlichkeit. Schefé gelingt es, persönliche Erinnerungen und gesellschaftliche Umbrüche zu verweben – nicht immer perfekt, aber spürbar authentisch. Die Vielzahl an Themen – von der Flucht über das Coming-out bis zur Auseinandersetzung mit staatlicher Überwachung – wirkt gelegentlich überladen, verliert sich jedoch selten in Beliebigkeit.

Kritisch anzumerken bleibt der stark autobiografisch gefärbte Ton, der manche Leser:innen auf Distanz halten könnte. Auch die fragmentarische Erzählstruktur erfordert Geduld und Offenheit gegenüber experimentellen Formen.

Mit seinem Debütroman hat Victor Schefé ein literarisches Statement vorgelegt, das sich gegen Vereinfachung sträubt. Es geht um Freiheit – nicht nur geografisch, sondern existenziell. Um Identität, die sich nicht festschreiben lässt. Und um eine Sprache, die nicht gefallen will, sondern Ausdruck sucht.

Buchtipp
Victor Schefé
Zwei, drei blaue Augen
Roman | 472 Seiten | dtv
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