HomeMagazinFilmtipp„Nationalhymne“: Ein stilles Roadmovie der Zugehörigkeit

„Nationalhymne“: Ein stilles Roadmovie der Zugehörigkeit

Ein queeres Rodeo, ein junger Bauarbeiter und die Suche nach einem Ort, an dem man man selbst sein darf: “Nationalhymne” erzählt von Identität, Gemeinschaft und einem anderen Amerika.

Der Spielfilm „Nationalhymne“ (Originaltitel: „National Anthem“) erzählt die Geschichte des 21-jährigen Dylan (Charlie Plummer), der in der ländlichen Provinz New Mexicos als Bauarbeiter und mit Gelegenheitsjobs sein Geld verdient. Er ist vor allem für seine alkoholkranke Mutter und seinen kleinen Bruder verantwortlich – das Geld ist knapp, der Alltag hart.

Als er einen Job auf einer abgelegenen Ranch annimmt, verändert sich sein Leben. Die House of Splendor entpuppt sich jedoch nicht als gewöhnlicher Bauernhof, sondern als Rückzugsort für eine queere Rodeo-Community. Hier begegnet Dylan einer Welt, die ihm bislang völlig fremd war: Menschen, die ihre Identität frei leben, fernab gesellschaftlicher Normen.

Begegnung mit Sky – und mit sich selbst

In dieser offenen, toleranten Gemeinschaft lernt Dylan Sky (Eve Lindley) kennen, eine selbstbewusste Transfrau, die Stärke und Sensibilität gleichermaßen ausstrahlt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Im Zentrum steht jedoch weniger die Romanze als die persönliche Entwicklung des Protagonisten.

„Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, nicht zu funktionieren, sondern einfach zu sein“, könnte Dylan sagen, auch wenn der Film selten mit lauten Botschaften arbeitet. „Nationalhymne“ setzt auf Zwischentöne, auf leise Momente der Selbstfindung und emotionale Nähe statt auf dramatische Wendungen.

Visuelles Feingefühl und poetische Bilder

Regisseur Luke Gilford, der sich mit seinem gleichnamigen Fotoband über queere Rodeo-Kultur einen Namen gemacht hat, bringt sein fotografisches Gespür in jede Szene ein. Gemeinsam mit Kamerafrau Katelin Arizmendi schafft er eindrucksvolle Bilder. Staubige Straßen, endlose Himmel und pralles Sonnenlicht lassen die Landschaft New Mexicos zu einem Sinnbild für Weite, Freiheit und Veränderung werden.

Diese Ästhetik ist jedoch kein Selbstzweck, sondern dient der emotionalen Verortung: Die Kamera bleibt nah an den Figuren und fängt Blicke, Berührungen und kleine Gesten ein. So entsteht eine Atmosphäre von Intimität und Wärme, ohne kitschig zu wirken.

Queere Utopie mit kleinen Schatten

Die Ranch dient dabei nicht nur als Zufluchtsort, sondern auch als Kontrastwelt: Während Dylans Herkunft von Enge, Sprachlosigkeit und emotionaler Kälte geprägt ist, findet er hier eine Familie, die ihn annimmt – jenseits biologischer Bande. Die Botschaft ist klar: Zugehörigkeit ist keine Frage des Zufalls, sondern eine Entscheidung.

Allerdings bleibt das Drehbuch in einigen Punkten zurückhaltend. Konflikte, etwa mit der Familie oder innerhalb der queeren Gemeinschaft, werden angedeutet, aber nicht vertieft. Auch die Nebenfiguren bleiben stellenweise blass und ihre Geschichten werden nur angedeutet.

Weniger Drama, mehr Gefühl

„Nationalhymne“ verzichtet bewusst auf große dramaturgische Bögen. Stattdessen zeigt der Film, wie sich Dylan langsam, tastend und ehrlich verändert. Diese erzählerische Zurückhaltung kann als Stärke gewertet werden, sie lässt jedoch auch Raum für Kritik: Zuschauer*innen, die klare Konflikte und starke Spannungen erwarten, könnten enttäuscht werden.

Einige Zuschauer:innen könnten den Film als zu idealisiert empfinden. Die Ranch erscheint als beinahe konfliktfreies Refugium, das gesellschaftliche Repressionen nur am Rande streift. Doch genau das ist wohl auch Teil des Konzepts: eine filmische Utopie, die nicht anklagt, sondern einlädt.

Zielgruppe und Erwartungen

„Nationalhymne” richtet sich an ein Publikum, das Wert auf Atmosphäre, visuelle Kraft und leise Erzählformen legt. Wer queere Geschichten jenseits urbaner Klischees sucht oder sich für Selbstfindungsnarrative interessiert, findet in diesem Film ein sensibles Werk.

Weniger geeignet ist der Film für diejenigen, die eine explizite Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Gewalt oder gesellschaftlichen Kämpfen erwarten. Der Fokus liegt nämlich nicht auf Konfrontation, sondern auf innerer Entwicklung und Zugehörigkeit.

Mehr Informationen
Nationalhymne (National Anthem)
USA 2023 | Coming-of-Age | OmU (Englisch) | 99 Minuten
Regie: Luke Gilford | Besetzung: Charlie Plummer, Eve Lindley, Mason Alexander Park, Rene Rosado, Robyn Lively

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