Adolf Brand wurde am 14. November 1874 in Berlin geboren. Schon als junger Mann wandte er sich der Literatur, der Kunst und radikalen politischen Ideen zu. Besonders stark beeinflusste ihn Max Stirners Philosophie des Egoismus, in der das selbstbestimmte Individuum zum höchsten Wert erklärt wird. Diese Denkweise durchzog fortan Brands Leben und Werk – nicht nur als intellektuelle Haltung, sondern als praktische Orientierung in der Welt.
Berlin um 1900 war ein widersprüchlicher Ort: geprägt vom autoritären Wilhelminismus, gleichzeitig aber offen für kulturelle und soziale Experimente. In dieser Atmosphäre entwickelten sich eine Subkultur, in der schwule und bisexuelle Männer vorsichtig nach Identität und Gemeinschaft suchten. Inmitten dieses Spannungsfeldes gründete Brand 1896 seine Zeitschrift Der Eigene – benannt nach Stirners Idee des selbstverantwortlichen Menschen.
„Der Eigene“: Stimme einer neuen Männlichkeit
Der Eigene gilt als die erste dauerhaft erscheinende homosexuelle Zeitschrift der Welt. Sie war weit mehr als ein Mitteilungsblatt – sie war ein kulturelles Manifest. In Gedichten, Essays, Fotografien, Aktdarstellungen und kunsttheoretischen Beiträgen wurde eine Ästhetik männlicher Schönheit, Stärke und Freundschaft entworfen, die sich bewusst gegen das bürgerlich-normative Verständnis von Sexualität stellte.
Zahlreiche bekannte Autoren schrieben für Der Eigene: John Henry Mackay, Kurt Hiller, Erich Mühsam, Hanns Heinz Ewers, Ernst Burchard und Benedict Friedlaender. Künstlerisch prägten Namen wie Fidus (Hugo Höppener), Sascha Schneider und Wilhelm von Gloeden das Erscheinungsbild. Auch wenn Thomas Mann selbst nicht publizierte, wurden seine Werke mit homoerotischem Subtext in diesem Kreis aufmerksam gelesen und diskutiert.
Brand verstand Homosexualität nicht als Defekt, sondern als Ausdruck einer „edlen Männlichkeit“, die Kameradschaft, körperliche Präsenz und geistige Freiheit verband. Der Körper war nicht Schamobjekt, sondern Symbol selbstbewusster Identität.
Konfrontation mit der Sexualwissenschaft
Der ideologische Bruch zwischen Adolf Brand und Magnus Hirschfeld prägte die frühe Homosexuellenbewegung. Zwar kämpften beide für die Abschaffung des § 175, doch ihre Vorstellungen vom Wesen der Homosexualität unterschieden sich grundlegend.
Hirschfeld vertrat eine medizinisch-aufklärerische Linie und sah Homosexuelle als Teil einer natürlichen „sexuellen Zwischenstufe“. Brand hingegen lehnte jede pathologisierende oder wissenschaftliche Einordnung ab – für ihn war Homosexualität keine Frage der Natur, sondern eine bewusste Entscheidung für ein freies Leben.
Aus dieser Differenz erwuchs ein tiefer ideologischer Konflikt. Während Hirschfeld auf Integration und gesellschaftliche Akzeptanz zielte, wollte Brand die Normen selbst in Frage stellen. Die „Gemeinschaft der Eigenen“, 1903 von Brand gegründet, stand für ein Ideal männlicher Autonomie, das sich weder medizinisch erklären noch politisch vereinnahmen ließ.
Aktivismus und Repression
Adolf Brand war nicht nur Theoretiker, sondern praktischer Aktivist – und bereit, Risiken einzugehen. Immer wieder kam es zu Anklagen und Verhaftungen.
Besonders bekannt wurde seine Rolle in der Harden-Eulenburg-Affäre von 1907. Inmitten öffentlicher Skandale um Homosexualität in höchsten Regierungskreisen bezichtigte Brand sogar den Reichskanzler Bernhard von Bülow der gleichgeschlechtlichen Liebe. Das war mehr als eine Provokation: Es war ein bewusster Versuch, die politische Heuchelei offenzulegen. Brand wurde wegen Verleumdung verurteilt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Auch in der Weimarer Republik blieb Brand aktiv, doch die gesellschaftlichen Mehrheiten bewegten sich kaum. Der Eigene erschien bis Anfang der 1930er Jahre, zuletzt zunehmend unter Druck der Zensur. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt, Materialien beschlagnahmt, Veröffentlichungen verboten. Brand zog sich in sein Haus in Berlin-Wilhelmshagen zurück.
Letzte Jahre und Tod im Bombenkrieg
Die nationalsozialistische Herrschaft machte jegliches homosexuelles Leben unsichtbar. Was Brand über Jahrzehnte aufgebaut hatte – eine kulturelle Sprache der Selbstbehauptung –, wurde gewaltsam unterdrückt. Der Eigene verstummte endgültig. Auch die „Gemeinschaft der Eigenen“ löste sich auf. Adolf Brand verbrachte die letzten Jahre seines Lebens isoliert, ohne Möglichkeit, seine Ideen öffentlich zu vertreten.
Im Februar 1945 kam er bei einem alliierten Luftangriff ums Leben. Die Quellen nennen unterschiedliche Daten – wahrscheinlich war es der 2. oder der 26. Februar. Damit endete das Leben eines Mannes, der fast ein halbes Jahrhundert gegen die Unsichtbarkeit und Stigmatisierung homosexueller Menschen gekämpft hatte.
Wiederentdeckung eines Pioniers
Nach dem Krieg geriet Brand weitgehend in Vergessenheit. Der Fokus der Erinnerung lag auf Magnus Hirschfeld, dessen wissenschaftliche Arbeit leichter anschlussfähig erschien. Erst in den 1980er Jahren, mit der Rückbesinnung auf alternative Konzepte queerer Identität, rückte auch Brand wieder ins Licht der Forschung.
Historiker wie Hubert Kennedy oder James Steakley begannen, seine Schriften neu zu sichten. Besonders in Zeiten wachsender Debatten um Selbstdefinition, Körperbilder und politische Autonomie gewinnt sein Werk neue Relevanz.
Heute gilt Der Eigene als frühes Dokument schwuler Selbstbehauptung und kultureller Selbstermächtigung – und Adolf Brand als eine Stimme, die der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht länger fehlen darf.

