HomeNewsChronikTodesfälle nach Erpressung über Grindr: Polizei verschleppt Ermittlungen

Todesfälle nach Erpressung über Grindr: Polizei verschleppt Ermittlungen

Mindestens fünf Männer sollen über die Dating-App Grindr von einer Bande erpresst worden sein – zwei von ihnen sind später gestorben. Die Polizei steht wegen Versäumnissen und möglicher Vorurteile in der Kritik.

Die britische Polizei steht unter Druck: Es wurde bekannt, dass sie in mehreren Fällen mutmaßlicher Erpressung über die bei schwulen und bisexuellen Männern beliebte Dating-App Grindr nicht konsequent ermittelt hat. Nach Recherchen der BBC sollen mindestens fünf Männer ins Visier einer Bande geraten sein, ohne dass die Täter bislang gefasst wurden.

In einem besonders tragischen Fall starb ein mutmaßliches Opfer nur 24 Stunden nach einem Erpressungsversuch. Die Täter sollen den Mann zu Hause aufgesucht und von ihm verlangt haben, seinen neuen Range Rover zu übergeben. Kurz darauf nahm sich der 56-Jährige das Leben.

Unklare Polizeiarbeit nach Suizid

Die zuständige Hertfordshire Police hat den Fall wieder aufgenommen, nachdem die unabhängige Polizeiaufsicht IOPC erhebliche Mängel festgestellt hatte. Laut IOPC ist zu prüfen, ob „homophobe Annahmen“ zu den Versäumnissen beigetragen haben könnten.

Der Lebenspartner des Verstorbenen, Cameron Tewson, berichtete der BBC, dass sich die Haltung der Polizei merklich verändert habe, als er andeutete, dass sein Partner Grindr benutzt hatte. „Es fühlte sich so an, als ob es danach einfach ignoriert wurde“, sagte Tewson.

In einem von der Bande hinterlassenen Schreiben waren das Kennzeichen des Range Rovers sowie eine Telefonnummer angegeben, die laut internen Polizeidokumenten bereits in einem früheren Erpressungsfall aufgetaucht war. Dennoch wurden keine Fingerabdrücke gesichert, keine DNA-Spuren untersucht und kein Tatverdächtiger befragt. Es kam zu keiner Festnahme.

Hinweise auf systematische Erpressung

Das IOPC kritisierte, dass der Fall nicht gründlich untersucht wurde und Beschwerden über die Ermittlungen unzureichend behandelt wurden. Nach dem Tod des Mannes gingen binnen zehn Tagen zwei weitere Anzeigen bei der Polizei ein, in denen dieselbe Telefonnummer eine Rolle spielte. Die Tätergruppe trat dem Bericht zufolge als sogenannte „Pädophilenjäger“ auf, ohne Beweise für ihre Behauptungen vorzulegen.

Anstatt sie als mutmaßliche Erpresser zu behandeln, betrachtete die Polizei die Gruppe als „schutzbedürftige Personen“. Auch in diesen Fällen kam es nicht zu Festnahmen. Die IOPC forderte die Hertfordshire Police auf, sowohl den ursprünglichen Todesfall als auch den Umgang mit den Beschwerden erneut zu prüfen.

Ein zweiter Todesfall wirft weitere Fragen auf

Nur neun Wochen nach dem ersten Vorfall wurde ein zweiter junger Mann tot aufgefunden. Der 24-jährige Modestudent Liam McHale aus Buckinghamshire hatte am Abend zuvor Freunden erzählt, dass er auf Grindr erpresst werde. Ein Date habe behauptet, minderjährig zu sein.

McHale meldete den Vorfall der Polizei, wurde aber gebeten, seinen Bericht am nächsten Tag zu erstatten. Am folgenden Morgen wurde er tot in seiner Wohnung gefunden. Ob es sich um einen Suizid handelte, blieb unklar.

Ermittlungen schleppen sich hin

Die Mutter des Verstorbenen, Julie Rice, wirft der Polizei schleppende Ermittlungen vor. Bis heute sei unklar, was genau passiert sei. Auf die Auswertung von McHales Handy und Laptop habe die Familie über 18 Monate warten müssen. „Es fühlt sich an, als ob das Ganze unter den Teppich gekehrt wurde“, sagte Rice der BBC.

Auch in diesem Fall gab es keine Festnahmen. Ob beide Männer von derselben Bande erpresst wurden, konnte die BBC nicht verifizieren. Die zuständige Thames Valley Police erklärte, dass die Ermittlungen andauerten, man sich jedoch nicht zu einzelnen Fällen äußern könne.

Dating-Apps geraten unter Druck

Rechtsexpert:innen fordern inzwischen auch von Dating-Plattformen einen besseren Schutz ihrer Nutzenden. Natalie Sherborn von der Kanzlei Withers plädiert dafür, dass die Plattformen mehr Nutzerdaten erheben, um kriminelle Nutzer:innen leichter identifizieren zu können. Dabei müssten jedoch Datenschutzaspekte beachtet werden.

Grindr wies darauf hin, dass vollständige Identitätsprüfungen für viele Nutzer ein Risiko darstellen könnten. Ein Sprecher des Unternehmens sagte, man kooperiere mit Behörden und arbeite „eng mit der Community zusammen, um ein sicheres Umfeld zu schaffen“.

Polizei verspricht Besserung

Owen Pyle, Superintendent und Beauftragter für die Belange der LSBTI-Community bei der Polizei von Hertfordshire, betonte, dass man Diskriminierung bekämpfen und die Zusammenarbeit mit der Community verbessern wolle. „Opfer werden ernst genommen und mit Sensibilität behandelt“, sagte Pyle.

Auch die IOPC erklärte, man arbeite eng mit LGBTI-Organisationen zusammen, um ihre Anliegen besser zu verstehen. Die Anteilnahme gelte den Familien der Verstorbenen und allen Betroffenen.

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