HomeMagazinQueer IconsTove Jansson: Die bisexuelle Mumin-Schöpferin und ihre Rolle als queere Ikone

Tove Jansson: Die bisexuelle Mumin-Schöpferin und ihre Rolle als queere Ikone

Tove Jansson erfand mit den Mumins eine Welt voller Freiheit und Eigenwilligkeit. Abseits der Bücher lebte sie genau so: selbstbestimmt, künstlerisch, queer – in einer Zeit, in der das kaum jemand laut aussprach.

Tove Jansson wurde am 9. August 1914 in Helsinki geboren, als Finnland noch Teil des Russischen Kaiserreichs war. Ihre Familie sprach Schwedisch, lebte aber in einem mehrsprachigen, kulturell durchmischten Milieu im Hafenviertel Katajanokka. Ihre Mutter Signe Hammarsten-Jansson war Illustratorin, ihr Vater Viktor Jansson war ein bekannter finnischer Bildhauer. Das Künstlerdasein wurde Jansson nicht beigebracht, es war einfach da. 

Bereits als Teenager veröffentlichte sie Zeichnungen in Satiremagazinen. Doch der große Durchbruch kam mit den Mumins: knubbelige Wesen mit sanftem Blick, die sich gegen Katastrophen, Einsamkeit und Angst behaupten – ohne Gewalt, dafür mit Zusammenhalt und Neugier. Die ersten Mumin-Geschichten entstanden während des Zweiten Weltkriegs, in einem Helsinki voller Luftschutzsirenen. Jansson reagierte darauf nicht mit Zynismus, sondern mit Poesie.

Zwischen Männern und Frauen – Janssons Liebesleben

Tove Jansson hatte zunächst Beziehungen zu Männern. So war mehrere Jahre mit dem finnischen Politiker und Journalisten Atos Wirtanen liiert. Doch als sie die Theaterregisseurin Vivica Bandler kennenlernte, veränderte sich ihr Leben. Ihre Briefe aus dieser Zeit sind voller Intensität, Zweifel und Begehren. Die Liebe zu Vivica blieb unerfüllt – aber sie war ein Wendepunkt für Jansson.

In den 1950ern begegnete sie der Grafikerin Tuulikki Pietilä. Die beiden blieben mehr als 40 Jahre lang ein Paar, bis Janssons Tod am 27. Juni 2001. Sie lebten stellenweise zusammen auf der kleinen Felseninsel Klovharu im finnischen Schärengarten – ohne Strom, aber mit viel Zeit für Gespräche, Arbeit und Alleinsein. Aus dieser Nähe entstand die Figur Too-Ticki in den Mumin-Büchern: praktisch, klug, unaufgeregt – und offen queer codiert.

Diskret und doch sichtbar: Queeres Leben ohne Erklärung

Jansson machte nie ein öffentliches Thema aus ihrer Sexualität. Sie lebte mit Tuulikki, reiste mit ihr, arbeitete mit ihr zusammen. Es gab keine öffentlichen Bekenntnisse, aber auch kein Versteckspiel. Für ihre Generation war das ungewöhnlich – und riskant. Homosexualität war in Finnland bis 1971 strafbar, gesellschaftlich blieb sie lange stigmatisiert.

In ihren Tagebüchern und Briefen schrieb Jansson offen über ihre Gefühle für Frauen – ohne Pathos, ohne Scham. In einem Brief beschrieb sie die Liebe zu Tuulikki als „eine große Ruhe, die ich vorher nie gekannt habe“.

Eine queere Ikone – ohne Absicht, aber mit Wirkung

Tove Jansson wäre heute wohl erstaunt, als queere Ikone bezeichnet zu werden. Sie suchte keine Bühne für ihr Privatleben, aber ihr Werk spricht für sich. Die Mumins leben in einer Welt, in der Eigenart kein Problem ist. Figuren wie Snufkin, Too-Ticki oder die Filifjonka lassen sich nicht einfach in Geschlechter- oder Beziehungsmuster pressen.

Diese Offenheit, dieses stille Feiern des Andersseins, macht die Mumin-Welt für viele queere Leser:innen bis heute bedeutsam. Janssons Bücher geben Raum für Identitäten, ohne sie zu benennen. Gerade deshalb finden sich so viele Menschen darin wieder.

Künstlerische Klarheit statt Etikettierung

Auch abseits der Mumins arbeitete Jansson unermüdlich: Sie schrieb Romane für Erwachsene, illustrierte Werke von Tolstoi und Lewis Carroll, malte Gemälde, die mit dem kindlichen Ton der Mumin-Welt kaum etwas zu tun hatten. Sie wollte nie nur die Mumin-Tante sein – und kämpfte darum, als vielseitige Künstlerin gesehen zu werden.

Bis heute bleibt ihre Lebensweise untrennbar mit ihrem Werk verbunden. Nicht, weil sie ihre Sexualität thematisierte – sondern weil sie nie so tat, als müsse sie sich dafür rechtfertigen. Diese Haltung, ruhig, unbeirrbar und konsequent, macht sie zu einer Figur, an der sich queere Menschen bis heute orientieren können.

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