Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2026 hat neue Maßstäbe gesetzt. Mit Yannick Nézet-Séguin am Dirigentenpult wehte ein frischer Wind durch den Goldenen Saal. Der 50-jährige Frankokanadier, Musikdirektor der New Yorker Met, betrat als erster offen queerer Dirigent das Podium des Neujahrskonzerts – und wurde vom Publikum mit Jubel, Bravorufen und stehenden Ovationen gefeiert.
Glitzer, Brillantbrosche und Standing Ovations
Schon äußerlich fiel der Maestro auf: Brillantbrosche, Diamantflinserl im Ohr, silberlackierte Fingernägel. Ein Auftritt mit Stil und Haltung. Im Programm bewies er Mut und Geschmack. Neben Klassikern wie „Rosen aus dem Süden“ oder „Donausagen“ brachte er auch wenig bekannte Werke zu Gehör – darunter Stücke zweier Komponistinnen.
Nézet-Séguin zeigte sich als Entertainer mit Gespür für das Publikum. In Hans Christian Lumbyes „Kopenhagener Eisenbahn-Dampf-Galopp“ schwang er statt des Dirigentenstabs ein echtes Eisenbahnverkehrszeichen und ließ eine Lokglocke ertönen. Beim Radetzkymarsch „eilte“ er, so Augenzeugen, „nach dem Andirigieren selbst durchs Parterre des in blühende Regenbogenfarben getauchten Goldenen Saals“ – und gab dem Publikum Einsatzzeichen zum Mitklatschen.
Sichtbarkeit, Vielfalt und eine Botschaft
Auch musikalisch wagte er Neues. Erstmals erklang beim Neujahrskonzert ein Werk der afroamerikanischen Komponistin Florence Price: der „Rainbow Waltz“, ursprünglich ein Klavierstück, wurde für das Konzert eigens orchestriert. „Die Berücksichtigung der inzwischen wiederentdeckten Künstlerin im Programm der Wiener Philharmoniker sei ein Herzenswunsch von ihm gewesen“, sagte Nézet-Séguin bei einer Pressekonferenz.
Neben dem „Rainbow Waltz“ präsentierte er auch die Polka-Mazur „Sirenen-Lieder“ der österreichischen Kapellmeisterin Josefine Weinlich. Zwei Komponistinnen im Strauß-dominierten Repertoire – ein Novum. Nézet-Séguins Ehemann, der Chorleiter Pierre Tourville, verfolgte das Konzert im Publikum.
50 Millionen Menschen sahen zu
Zum Abschluss wandte sich der Dirigent mit klaren Worten ans weltweite Publikum: „Wenn wir anfangen zu reden, streiten wir und sind uns uneinig; wenn wir anfangen, dieselbe Musik zu hören, spüren wir, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.“
Das Konzert wurde vom ORF in über 150 Länder übertragen und erreichte rund 50 Millionen Zuschauer weltweit. Zum Einsatz kamen 40 Mikrofone und 14 Kameras. Das Bild, das hängen blieb: ein Dirigent, der nicht nur dirigierte, sondern Zeichen setzte – für Frieden, Vielfalt und die verbindende Kraft der Musik.
2027 übernimmt Tugan Sokhiev das Neujahrskonzert. Nach dem furiosen Auftritt von Yannick Nézet-Séguin wird das keine leichte Aufgabe.

