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Barbara Gittings: Vorkämpferin für lesbische Sichtbarkeit und queere Rechte

Mit ihrem jahrzehntelangen Engagement für Gleichstellung, Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung prägte Barbara Gittings die queere Bewegung in den USA entscheidend. Ihr Wirken reicht von Straßenprotesten über Medienarbeit bis hin zu Reformen in Psychiatrie und Bibliotheken.

Barbara Gittings wurde am 31. Juli 1932 in Wien geboren. Sie wuchs jedoch überwiegend in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware auf, wo sie früh mit gesellschaftlicher Ausgrenzung konfrontiert war. Als Jugendliche durchsuchte sie Bibliotheken nach Informationen über Homosexualität, fand jedoch fast ausschließlich pathologisierende und verurteilende Inhalte. 

Diese Erfahrung motivierte sie später, selbst aktiv zu werden. „Ich suchte nach mir selbst in den Büchern – und fand nur Warnungen“, beschrieb Gittings ihre Jugendjahre rückblickend.

Frühe Schritte in der Bewegung: Die Daughters of Bilitis

In den 1950er-Jahren schloss sich Gittings der Organisation „Daughters of Bilitis“ (DOB) an, der ersten lesbischen Bürgerrechtsgruppe in den USA. 1958 gründete sie das erste Chapter an der Ostküste in New York und übernahm den Vorsitz. 

Die Treffen boten lesbischen Frauen einen geschützten Raum – in einer Zeit, in der Sichtbarkeit riskant war. „Es war nicht einfach, lesbisch zu sein, aber noch schwieriger war es, sich selbst überhaupt zu finden“, sagte sie später in einem Interview über diese Zeit.

Von 1963 bis 1966 leitete Gittings die DOB-Zeitschrift The Ladder als Herausgeberin. Sie baute das Magazin zu einem sichtbaren, politischeren Medium aus und gab lesbischen Stimmen erstmals eine öffentliche Plattform. In einer Zeit ohne Internet wurde die Zeitschrift zu einem zentralen Informations- und Identitätsangebot.

Demonstrationen als Sichtbarkeitsstrategie

Zusammen mit Frank Kameny organisierte Gittings von 1965 bis 1969 die „Annual Reminder“-Proteste vor der Independence Hall in Philadelphia. In konservativer Kleidung demonstrierten Homosexuelle für Gleichberechtigung im Staatsdienst – eine bewusste Strategie, um Seriosität zu zeigen.

Diese Aktionen gelten heute als Vorläufer der Pride-Bewegung. Nach den Stonewall-Unruhen im Jahr 1969 gingen aus ihnen die ersten Gay-Pride-Paraden hervor.

Kampf gegen die Stigmatisierung 

Ein zentrales Anliegen Gittings war der Protest gegen die Einstufung von Homosexualität als psychische Krankheit. Gemeinsam mit Mitstreitern übte er Druck auf die American Psychiatric Association (APA) aus.

Im Jahr 1973 erreichte die Bewegung einen Meilenstein in ihrer Geschichte: Die APA nahm die Kategorie „Homosexualität“ aus dem „Diagnostischen Handbuch psychischer Störungen“ (DSM) heraus. „Solange die Medizin uns für krank erklärt, hat Diskriminierung ein wissenschaftliches Feigenblatt“, argumentierte Gittings öffentlich.

Aufbau politischer Netzwerke

Nach ihrem Erfolg bei der APA verlagerte Gittings ihren Fokus auf den Zugang zu queerer Literatur in öffentlichen Bibliotheken. In der American Library Association (ALA) engagierte sie sich dafür, dass queere Bücher nicht länger versteckt oder zensiert werden. Ihr Button „I’m your librarian” wurde zum Symbol für queere Präsenz im Berufsalltag.

Gittings war 1973 auch Mitbegründerin der National Gay and Lesbian Task Force, einer der ersten Lobbyorganisationen für homosexuelle Rechte auf nationaler Ebene. Auch in der Gay Rights National Lobby, einem Vorläufer der Human Rights Campaign, engagierte sie sich über Jahrzehnte hinweg.

Eine Partnerschaft, die Geschichte schrieb

Barbara Gittings lernte ihre spätere Lebensgefährtin Kay Lahusen Anfang der 1960er-Jahre kennen. Die beiden wurden bald ein Paar – zu einer Zeit, in der offen lesbische Beziehungen mit gesellschaftlicher Ächtung und beruflichen Risiken verbunden waren. Ihre Partnerschaft war von Beginn an mehr als privat: Gittings und Lahusen verstanden sich als Team im Aktivismus. Sie teilten nicht nur ein Zuhause, sondern auch politische Visionen, Projekte und den Willen, lesbisches Leben sichtbar zu machen.

Lahusen, die selbst Journalistin und Fotografin war, begleitete Gittings zu Demonstrationen, Veranstaltungen und Kongressen. Viele der bekanntesten Fotos aus dieser Zeit – etwa von den „Annual Reminder“-Protesten oder aus der Redaktion von The Ladder – stammen aus Lahusens Kamera. Die Bilder zeigen Gittings als selbstbewusste, öffentlich auftretende Aktivistin und haben die visuelle Erinnerungskultur der Bewegung entscheidend mitgeprägt. Ihre Zusammenarbeit wurde somit zu einem zentralen Bestandteil der frühen queeren Öffentlichkeit.

Sichtbarkeit als gemeinsames Anliegen

Für Gittings und Lahusen war es ein bewusster Schritt, ihre Beziehung nicht zu verstecken. In Interviews und Artikeln traten sie immer wieder gemeinsam auf, was für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich war. Damit forderten sie gesellschaftliche Akzeptanz ein und schufen selbst Vorbilder für andere lesbische Paare. Ihre Partnerschaft stand exemplarisch für eine Haltung, die das Private und das Politische nicht trennte, sondern als miteinander verwoben verstand.

Nach Gittings‘ Tod im Jahr 2007 arbeitete Lahusen weiter daran, ihr gemeinsames Vermächtnis zu bewahren. Bereits zu Lebzeiten hatten beide begonnen, ihre Korrespondenz, Fotos und Dokumente systematisch zu sammeln. Heute befinden sich ihre Materialien in verschiedenen Archiven, unter anderem in der Free Library of Philadelphia und in landesweiten LGBTQ+-Sammlungen. Diese Archive gelten als wichtige Quellen für die Erforschung der lesbischen Geschichte und der queeren Bewegungsarbeit in den USA.

Vermächtnis einer Architektin der Sichtbarkeit

Barbara Gittings hat über Jahrzehnte hinweg die Bedingungen für queeres Leben verändert – nicht durch spektakuläre Einzelaktionen, sondern durch kontinuierliche Arbeit an Öffentlichkeit, Repräsentation und Institutionen.

Ihre Strategie umfasste Medien, Medizin, Bibliotheken und Protest – alles Orte, an denen sich die Realität verändern lässt. „Wir wollten nicht nur akzeptiert werden, sondern auch sichtbar sein, gehört werden und mitgestalten“, fasste Gittings ihre Motivation zusammen.

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