Syracuse, US-Bundesstaat New York, Mitte der 1990er-Jahre: Der junge Polizist Lucas Brennan (Tom Blyth) arbeitet undercover. In Einkaufszentren soll er Männer, die auf öffentlichen Toiletten cruisen, in eine Falle locken. Die Methode: Blickkontakt herstellen, abwarten, bis der andere den nächsten Schritt macht – und dann zugreifen.
Lucas filmt alles mit einer versteckten Kamera. Diese grobkörnigen und anonymen Aufnahmen durchziehen auch den Film selbst. So wird die Bildsprache zum Spiegel seiner inneren Zerrissenheit. Denn was wie ein Job beginnt, wird für Lucas zur Konfrontation mit sich selbst.
Scham, Angst, Überwachung: Lucas verliert sich selbst
Privat steckt Lucas in der Krise. Der Tod seines Vaters, die Trennung von seiner Freundin und die Erkenntnis, dass er Männer begehrt, belasten ihn sehr. Hinzu kommt der Druck aus seinem Umfeld: sein homophober Onkel, das Misstrauen der Kollegen und das Doppelleben.
Ein Einsatz ändert alles. Lucas trifft auf Andrew (Russell Tovey), einen kultivierten und zurückhaltenden Mann. Zwischen den beiden entsteht eine Spannung, die über die ursprüngliche Mission hinausgeht. Lucas verhindert Andrews Verhaftung und meldet sich später bei ihm.
Sie treffen sich wieder, im Kino, im Gewächshaus, und schlafen miteinander. Doch Andrew bleibt auf Distanz. „Ich sehe meine Dates nie mehr als einmal“, sagt er. Für Lucas hingegen ist es mehr. Er beginnt, sich Hoffnung zu machen.
Verbotene Nähe: Wenn aus Überwachung Verlangen wird
Eine verlorene Nachricht, ein Brief, der verrät, wer Lucas wirklich ist, bringt die fragile Verbindung ins Wanken. Dieser Handlungsstrang mündet in einem für manche Kritiker überladenen, aber überraschenden Finale.
Regisseur Carmen Emmi zeigt Lucas’ Welt durch hektische Schnitte, grelle Lichter und flirrende Geräusche. Diese Reizüberflutung unterstreicht Lucas’ psychischen Ausnahmezustand, wirkt aber manchmal überinszeniert. „Wir haben verstanden, dass Lucas leidet – dafür braucht es nicht jede Sekunde Chaos auf der Tonspur“, so ein Kritiker beim Sundance Festival.
Stil trifft Schmerz: Zwischen Ausdruckskraft und Überforderung
Emmi nutzt zahlreiche visuelle Ebenen, um Lucas’ seelischen Zustand darzustellen: wechselnde Videoformate, unscharfe Bilder und Sprünge in Raum und Zeit.
Doch was zunächst bedrückend wirkt, nutzt sich mit der Zeit ab. Der Film will spürbar viel auf einmal und verliert dabei manchmal den Fokus. Insbesondere bei Szenen, in denen Bild und Ton übersteuern, wäre etwas mehr Ruhe wünschenswert, um die starken schauspielerischen Leistungen wirken zu lassen.
Blyth und Tovey mit starker Chemie
Vor allem lebt „Plainclothes“ von der intensiven Chemie zwischen Tom Blyth und Russell Tovey. Ihre Szenen sind oft leise und zurückgenommen, aber gerade deshalb sehr kraftvoll.
Schon das Berühren der Hände genügt, um Nähe, Zweifel und Spannung greifbar zu machen. Bei den intimen Szenen wurden die Darsteller von einem Intimitätskoordinator unterstützt, was, wie Tovey und Blyth sagten, zu einer sicheren, vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre beitrug.
Eine Geschichte, die näher an der Gegenwart ist, als man denkt
Die Geschichte von „Plainclothes“ scheint auf den ersten Blick ein Rückblick auf vergangene Zeiten zu sein. Doch Regisseur Emmi wurde 2016 durch einen realen Fall auf das Thema aufmerksam: In Long Beach, Kalifornien, hatten Polizisten damals Männer in öffentlichen Toiletten mit ähnlichen Methoden festgenommen.
Auch am New Yorker Bahnhof Penn Station kam es im letzten Jahr zu über 200 Verhaftungen in einem ähnlichen Kontext. Emmi sagt, der Film sei „genauso sehr über heute wie über die 90er“.
„Plainclothes“ wurde beim Sundance Festival uraufgeführt und ist nun auch in unseren Kinos zu sehen. Er zeigt, dass queere Geschichten in repressiven Strukturen auch heute noch erschütternd aktuell sind.


