Im vierten Band seiner griechischen Sagenreihe widmet sich Stephen Fry der „Odyssee“ – der berühmten Heimkehr des Odysseus von Troja nach Ithaka. Anders als bei traditionellen Übersetzungen oder akademisch orientierten Bearbeitungen bringt Fry die Geschichte in einem persönlichen, oft augenzwinkernden Ton zu Papier.
Dabei bleibt die Essenz des Originals spürbar: die Suche nach Heimat, das Überleben von Prüfungen und die Rückkehr in eine veränderte Welt. „Ich wollte zeigen, dass diese alten Geschichten nichts von ihrer Kraft verloren haben – man muss sie nur so erzählen, dass sie heute wieder gehört werden wollen“, sagte Fry in einem Interview.
Von Göttern, Monstern und Menschen
Inhaltlich bleibt Fry den bekannten Stationen der Odyssee treu: dem Kampf mit dem Zyklopen Polyphem, den Versuchungen der Sirenen oder der Verwandlung durch Circe. Doch er weitet den Blick, erzählt auch von anderen Heimkehrern wie Agamemnon und Menelaos, verknüpft ihre Schicksale und bettet sie in einen größeren mythologischen Zusammenhang ein.
Dabei gelingt ihm eine Balance aus Leichtigkeit und Tiefe. Witzige Dialoge, plastische Beschreibungen und ein hohes Erzähltempo machen den Text zugänglich, ohne dass die psychologischen und emotionalen Themen – Verlust, Schuld und Sehnsucht – zu kurz kommen.
Ein Stil wie ein Gespräch am Kamin
Frys Sprache wirkt oft, als würde er direkt mit dem Leser sprechen. Er verwendet moderne Ausdrücke, reduziert Komplexität zugunsten der Verständlichkeit und haucht dem antiken Stoff auf diese Weise Leben ein, ohne ihn zu entstellen. Es fühlt sich an wie ein Abend am Kamin mit einem klugen, charmanten Gastgeber.
Auch das Hörbuch, das Fry in der englischen Fassung selbst liest, ist eine Klasse für sich. Seine warme Stimme und sein ironisches Understatement passen perfekt zum Ton der Erzählung.
Kritik an Vereinfachungen bleibt nicht aus
So viel Lob Fry auch erhält – nicht alle sind begeistert. Vor allem klassische Puristen bemängeln, dass er in seinen Nacherzählungen die tieferen Ebenen der Originaltexte glättet und moralische Dilemmata entschärft. Figuren wie Odysseus erscheinen in Frys Version oft eindeutiger als im Original, in dem Ambivalenzen und Widersprüche betont werden.
Zwischen Literaturvermittlung und Unterhaltung
Frys „Odyssee” steht damit in einer Linie mit seinen früheren Büchern „Mythos” und „Helden”: Er vermittelt klassische Inhalte in einem Stil, der heutige Leserinnen und Leser abholt – ohne wissenschaftlichen Ballast, aber auch ohne Respektlosigkeit gegenüber dem Originalstoff.
Für viele ist dies der ideale Einstieg in die Welt der griechischen Mythologie. Wer jedoch tief in Homers Sprache und Symbolik eintauchen möchte, sollte zusätzlich zu Originalübersetzungen greifen.


