Rita Süssmuth ist tot. Sie starb am 1. Februar 2026. Die CDU-Politikerin wurde 88 Jahre alt. Süssmuth stand über Jahrzehnte für eine Politik, die auf Aufklärung, Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzte.
Mut zur Konfrontation in der eigenen Partei
Als erste Frauenministerin der Bundesrepublik Deutschland kämpfte sie für eine stärkere politische Teilhabe von Frauen, engagierte sich früh gegen die Stigmatisierung von HIV-Infizierten und setzte sich vehement für die Rechte der LGBTIQ+-Community ein.
Süssmuth war keine bequeme Parteifreundin. Bereits als Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (1985–1988) geriet sie mit konservativen Teilen der Union aneinander. Während andere Repression forderten, setzte sie in der AIDS-Krise auf Aufklärung und Prävention. 1987 gründete sie die Deutsche AIDS-Stiftung.
Auch in der Drogenpolitik bezog sie klar Stellung: „Milde für Süchtige und Härte gegen Dealer“ – ein Ansatz, der seiner Zeit voraus war.
Erste Bundestagspräsidentin mit politischem Profil
Im Jahr 1988 wechselte sie auf den Posten der Bundestagspräsidentin, den sie zehn Jahre lang innehatte. Obwohl dieses Amt traditionell als unparteiisch gilt, verlieh sie ihm ein eigenes politisches Gewicht. So befürwortete sie beispielsweise die Verhüllung des Reichstags durch den Künstler Christo und setzte sich für die Förderung von Frauen in der Bundestagsverwaltung ein.
Auch ihre eigene Partei kritisierte sie wiederholt für ihre mangelnden Fortschritte in puncto Gleichstellung. Den Frauenanteil im Bundestag, der zuletzt bei 32,4 Prozent lag, empfand sie als beschämend. Sie lobte SPD und Grüne für ihre verbindlichen Quoten und stellte nüchtern fest: „Frauen wissen, wo sie reale Chancen haben.“
Brückenbauerin mit klarer Haltung
Ein weiteres zentrales Anliegen war ihr Engagement für die deutsch-polnische Aussöhnung. Bereits schwer erkrankt nahm sie im Juni 2025 an der Einweihung eines Mahnmals für polnische NS-Opfer teil.
Rita Süssmuth wurde 1937 in Wuppertal geboren. Sie studierte Romanistik, Geschichte, Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. Als Professorin für Erziehungswissenschaften war sie in Bochum und Dortmund tätig, bevor sie 1985 überraschend in das Kabinett von Helmut Kohl berufen wurde.
Von 1987 bis 2002 war Süssmuth Bundestagsabgeordnete. Danach blieb sie in zahlreichen Projekten engagiert, beispielsweise als Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts, bei der Türkisch-Deutschen Universität oder in frauenpolitischen Initiativen.
Wissenschaftlerin, Feministin, Katholikin
Sie bezeichnete sich selbst als Feministin und scheute auch den Konflikt mit der katholischen Kirche nicht, etwa beim Thema Abtreibungsrecht. Sie arbeitete im Zentralkomitee der Katholiken ebenso mit wie in der LSU, der Vereinigung der Lesben und Schwulen in der Union.
Ihr politisches Selbstverständnis fasste sie einmal wie folgt zusammen: „Ich habe Ablehnung in meiner Partei erfahren, ich habe viel Fremdheit empfunden, aber auch Unterstützung erlebt. Trotzdem habe ich es nicht bereut, in die Politik gegangen zu sein. Wir können etwas verändern – nicht die Welt, aber die Köpfe und das Handeln.“
Würdigungen über Parteigrenzen hinweg
Zahlreiche Politiker:innen würdigten Süssmuths Lebenswerk. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete sie als „große Politikerin“ und „Leitstern für unser demokratisches Gemeinwesen“. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) bezeichnete sie als „politische Ausnahmeerscheinung“.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) betonte Süssmuths Verdienste im Kampf gegen HIV/AIDS: „Sie setzte auf Aufklärung statt Stigmatisierung, auf Menschlichkeit und wissenschaftliche Evidenz.“ Frauenministerin Karin Prien hob hervor, wie sehr Süssmuth Gleichstellungsthemen vorangetrieben habe: „Ihre Stimme wird fehlen!“
Rita Süssmuth war 56 Jahre lang verheiratet. Ihr Ehemann, ein Historiker, starb 2020. Sie hinterlässt eine Tochter. Im Juni 2024 machte Süssmuth öffentlich, dass sie an Brustkrebs erkrankt war. Trotz Krankheit blieb sie bis zuletzt aktiv.

