HomeMagazinGesellschaftQueere Menschen in der besetzten Ukraine: Wenn das Smartphone zur Gefahr wird

Queere Menschen in der besetzten Ukraine: Wenn das Smartphone zur Gefahr wird

In den von Russland besetzten Regionen der Ukraine geraten queere Menschen besonders stark unter Druck. Berichte von Betroffenen und Menschenrechtsorganisationen zeigen, wie Handydurchsuchungen, Folter und Angst zum Alltag werden – und warum viele nur mit alten Tastenhandys oder gar ohne Telefon unterwegs sind.

Der Krieg in der Ukraine verändert den Alltag vieler Menschen radikal. In den von Russland besetzten Gebieten bedeutet das für queere Personen oft eine zusätzliche Bedrohung. An Checkpoints kontrollieren russische Soldaten nicht nur Ausweise, sondern auch Mobiltelefone. Wer dort Hinweise auf eine queere Identität hinterlässt, riskiert Verhaftung, Misshandlungen oder Folter.

Handys als Beweismittel gegen Betroffene

Menschenrechtsorganisationen berichten, dass Besatzungstruppen gezielt nach queeren Dating-Apps oder entsprechenden Chatverläufen suchen. Selbst gelöschte Inhalte werden dabei häufig wiederhergestellt, wie Betroffene berichten.

Die trans Frau Ari erlebte eine solche Kontrolle selbst. Die heute 39-Jährige versuchte aus einem Dorf in der Region Luhansk zu fliehen. Am Grenzübergang hielten russische Soldaten sie fest und durchsuchten ihr Telefon. Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB seien hinzugezogen worden, berichtet sie.

„Sie haben mich etwa zwölf Stunden lang verhört“, erzählt Ari gegenüber netzpolitik.org . Die Soldaten hätten ihre Fingerabdrücke genommen, sie gezwungen, sich auszuziehen, und ihren Körper fotografiert. „Einer von ihnen drohte mir, er würde mir einen Elektroschocker in den Hintern stecken.“

Fluchtversuche unter ständiger Kontrolle

Ari hatte ihr Smartphone zuvor bereinigt und Chats gelöscht. Den Sicherheitskräften gelang es trotzdem, frühere Nachrichten wiederherzustellen. Unter diesen befand sich ein Chat mit ihrem Bruder, in dem sie Kritik an Russland geäußert hatte.

Schließlich ließen die Soldaten sie gehen. Nach Russland durfte sie jedoch nicht einreisen. Erst beim dritten Fluchtversuch gelang es ihr, in ein von der ukrainischen Regierung kontrolliertes Gebiet zu gelangen.

Alte Handys als Überlebensstrategie

Ähnliche Berichte gibt es auch aus anderen besetzten Regionen. Marina Usmanova, Gründerin der NGO Insha, hat aus dem Berliner Exil heraus queere Menschen bei der Flucht aus der südukrainischen Stadt Cherson unterstützt.

„Rund 300 queere Personen haben wir damals bei der Ausreise unterstützt”, erinnert sie sich. Viele von ihnen hätten ihre Smartphones versteckt oder ganz darauf verzichtet. „Die meisten, die wir bei der Ausreise unterstützt haben, haben das Handy entweder versteckt oder – denn das Leben ist kostbar – keines mitgenommen“, so Usmanova.

Angst vor Dating-Apps auf dem Smartphone

Die Organisation empfahl den Betroffenen deshalb eine einfache Strategie: Sie sollten zu alten Tastenhandys ohne Apps greifen. Auf diesen lassen sich Plattformen wie Facebook, Instagram oder Dating-Apps nicht installieren.

Oft habe es nicht ausgereicht, die Anwendungen lediglich zu löschen. „Damit die Militärs es wirklich nicht schaffen, etwas auszugraben“, sagt Usmanova. „Denn aus Smartphones haben sie alles ausgegraben, was auch immer man zuvor gelöscht hat.“

Kontrollen fanden nicht nur an Checkpoints statt. Auch innerhalb der Städte hielten Soldaten Menschen an und überprüften ihre Geräte.

Wenn Grindr zur Gefahr wird

Bei diesen Durchsuchungen sahen sich die Soldaten die Kontakte, Chatgruppen und abonnierten Telegram-Kanäle der Betroffenen an.

Besonders Dating-Apps konnten zum Problem werden. „Es gab viele Fälle, in denen Menschen im Folterkeller landeten, nur weil sie Grindr auf ihrem Handy hatten“, berichtet Usmanova.

Ein Bericht der Organisationen Insha und Projector dokumentiert mehrere solcher Fälle. Darin heißt es, russische Soldaten hätten gezielt nach Angehörigen der LGBTIQ-Community gesucht.

Leben unter Angst und Selbstzensur

Für viele Menschen bedeutete die Besatzung auch außerhalb von Gefängnissen ein Leben in ständiger Vorsicht. Die trans Frau Mileriia Afanasiievska war die einzige offen trans Person, die während der Besatzung in der Kleinstadt Oleschky lebte.

Wenn sie das Haus verließ, nahm sie nur ein altes Tastenhandy ohne SIM-Karte mit. „Das war nicht nur für mein eigenes Überleben wichtig, sondern auch für das Überleben meiner Nachbarn, meiner Bekannten und anderer Menschen aus meiner Stadt.“

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