Eine frische Melange, dazu ein warmer Apfelstrudel und eine Zeitung – das ist ein klassischer Kaffeehausmoment in Wien. Doch Anfang Mai verändert sich dieses Bild: Anstelle von Wiener Melange und Torte könnten plötzlich English Breakfast oder Grappa auf den Tischen stehen. Grund dafür ist der Eurovision Song Contest (ESC), der nicht nur die großen Bühnen der Stadt bespielt, sondern auch den Alltag erfasst.
Kaffeehäuser werden zu internationalen Gastgebern
Vom 3. bis zum 17. Mai beteiligen sich 20 Wiener Kaffeehäuser am Projekt „Eurofan-Café“. Die 35 Teilnehmerländer wurden per Los auf die Lokale verteilt. Jedes Café übernimmt die Rolle eines Gastgebers für eine oder zwei Nationen. So werden etwa Großbritannien und San Marino im Café Landtmann vertreten sein, während Griechenland und Armenien im Café Frauenhuber ihr temporäres Zuhause finden werden.
Auch andere bekannte Kaffeehäuser sind Teil der Initiative: Schweden und Zypern ziehen ins Café Mozart, Australien ins Crossfields. Das Café phil kümmert sich um Bulgarien und das Café Hummel um Deutschland und Aserbaidschan. Österreich selbst tritt gemeinsam mit Dänemark im Gerstner auf. Damit verteilt sich der ESC quer durch die Wiener Kaffeehauslandschaft.
Kulinarik, Musik und Begegnung im Fokus
Die teilnehmenden Lokale haben ein vielfältiges Programm geplant. Neben landestypischen Speisen und Dekorationen sind auch Livemusik, kleinere Auftritte und Meet-and-Greets mit Künstlern vorgesehen. „Das Wiener Kaffeehaus war schon immer ein Ort der Begegnung“, erklärt Wolfgang Binder, Betreiber des Café Frauenhuber. Sein Ziel sei es, Menschen zusammenzubringen – „unabhängig von Herkunft, Sprache und Hintergrund“.
Wie die Umsetzung in den einzelnen Cafés genau aussieht, wird derzeit noch in Abstimmung mit den jeweiligen Ländern festgelegt. Klar ist jedoch: Im Mittelpunkt der Initiative steht die Verbindung von traditioneller Kaffeehauskultur und internationalem Flair.
Coffee Raves sollen junges Publikum anziehen
Neben den klassischen Programmpunkten setzen die Veranstalter auch auf neue Ideen. „Wir wollen ein junges Publikum ansprechen und Coffee Raves veranstalten“, sagt Ferdinand Querfeld vom Café Landtmann. Dabei wird das Konzept des Clubbings in die Morgenstunden verlegt: Gefeiert wird mit Kaffee und Kipferl statt mit Cocktails. „Wenn es gut läuft, wollen wir das Konzept auch nach dem ESC beibehalten“, so Querfeld.
Parallel dazu entsteht im Wien Museum ein Eurofan House, während der Green Room in der Stadthalle im Kaffeehausstil gestaltet wird. Damit zieht sich das Kaffeehaus-Motiv durch mehrere Ebenen des ESC in Wien.
Digitale Tools und Gewinnspiele ergänzen das Erlebnis
Damit Besucher den Überblick behalten, wurde die „Walk15-App“ entwickelt. In den teilnehmenden Lokalen können QR-Codes gescannt werden. Wer mindestens fünf Standorte besucht, nimmt automatisch an einem Gewinnspiel teil. Zu gewinnen gibt es unter anderem Tickets für das ESC-Finale sowie weitere Preise.
„Wie bringe ich den Song Contest in die Wiener Kaffeehäuser?“ – so beschreibt Binder die Ausgangsfrage des Projekts. Unterstützung kommt auch vom ORF. ESC-Eventverantwortlicher Oliver Lingens sagt: „Der Song Contest ist ein Ort, an dem unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen.“ Das Zusammenspiel mit der Wiener Kaffeehauskultur bezeichnet er als „Match made in Heaven“.
Offene Fragen rund um Israel
Lediglich Israel wurde bislang keinem Kaffeehaus zugeteilt. Grund dafür sind laut Angaben der Kaffeesieder fehlende Rückmeldungen sowie mögliche Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit der aktuellen geopolitischen Lage. Eine Teilnahme ist jedoch weiterhin nicht ausgeschlossen.
Die Auswahl der teilnehmenden Kaffeehäuser erfolgte durch den Gastronomie-Club Wien und die Wirtschaftskammer. Voraussetzungen waren unter anderem ausreichend Sitzplätze sowie geeignete Räumlichkeiten für Veranstaltungen. Damit soll sichergestellt werden, dass die Lokale den erwarteten internationalen Andrang bewältigen können.

