Im Zuge von Ermittlungen wegen mutmaßlichen „LGBT-Extremismus“ haben die russischen Behörden den Generaldirektor des größten Verlags des Landes, Jewgeni Kapjew, in Gewahrsam genommen. Laut russischer Medien wurde Kapjew nach einer Durchsuchung des Moskauer Verlagssitzes von der Polizei befragt.
Gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Interfax bestätigte Eksmo die Vorladung, stellte jedoch klar, dass es sich um eine Vernehmung im Rahmen eines bereits seit Mai 2025 laufenden Strafverfahrens handele. Bereits im Jahr zuvor waren mehrere Mitarbeitende festgenommen worden. Ihnen wurde vorgeworfen, gegen Gesetze zur „LGBT-Propaganda“ und „Extremismus“ verstoßen zu haben.
Bestseller im Zentrum der Vorwürfe
Laut der Zeitung Kommersant prüfen Ermittler, ob Anklage wegen der Organisation einer „extremistischen Vereinigung“ erhoben werden kann. Grundlage ist ein Urteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 2023, in dem die „internationale LGBT-Bewegung” als extremistisch eingestuft und ihre Aktivitäten in Russland verboten wurden. Seitdem können öffentliche Darstellungen oder die Unterstützung queerer Lebensweisen strafrechtlich verfolgt werden.
Kremlnahe Medien berichten, dass sich die Ermittlungen auf die Verbreitung von LGBTIQ+-Literatur konzentrieren. Dabei wird besonders der Roman „Sommer mit Pionierkrawatte“ aus dem Jahr 2021 genannt, der die Beziehung zwischen einem Jugendlichen und einem Betreuer in einem sowjetischen Sommerlager schildert. Das Buch wurde von konservativen Politiker:innen wiederholt kritisiert.
Eksmo hatte 2023 den Verlag Popcorn Books übernommen, der das Werk ursprünglich veröffentlicht hatte. Zuvor war Popcorn Books unter rechtlichem Druck zur Schließung gezwungen worden. Der Verlag veröffentlichte unter anderem Literatur zu Geschlechtsidentität, psychischer Gesundheit und Rassismus.
Weitere Manager unter Hausarrest
Drei leitende Mitarbeitende von Popcorn Books und dem Eksmo-Imprint Individuum stehen weiterhin unter Hausarrest. Ihnen wird die Beteiligung an der Verbreitung von „extremistischen Materialien” vorgeworfen. Nach russischem Strafrecht kann bereits die Produktion oder Verbreitung entsprechender Inhalte strafbar sein.
Eine Eksmo-Sprecherin bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass die Vorladungen im Rahmen eines Strafverfahrens wegen Extremismus im Zusammenhang mit der Verbreitung von Büchern des Verlags Popcorn erfolgt seien. Diese Aussage deckt sich mit lokalen Berichten über den Fokus der Ermittlungen.
Verschärfte Gesetzeslage
Ein international scharf kritisiertes „Gesetz gegen LGBT-Propaganda” besteht seit mehr als zehn Jahren. Es verbietet die positive Darstellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen gegenüber Minderjährigen. In den vergangenen Jahren wurde es erweitert und umfasst nun auch Erwachsene sowie Themen rund um geschlechtliche Identität.
Zusätzlich hat Russland seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine seine Gesetzgebung weiter verschärft. Die Einstufung der „internationalen LGBT-Bewegung” als extremistisch ermöglicht nun weitreichende strafrechtliche Maßnahmen. Laut Gesetz können die Organisation solcher Aktivitäten mit bis zu zehn Jahren Haft und die Beteiligung daran mit bis zu sechs Jahren bestraft werden.
Zensur und Folgen für die Verlagsbranche
Infolge der verschärften Gesetze kam es zu Razzien in queeren Einrichtungen und zur Schließung von Organisationen wie der LGBTIQ+-Organisation „Coming Out“. Buchhandlungen und Bibliotheken entfernten zahlreiche Titel aus ihren Beständen, während Verlage gezwungen waren, Auflagen zurückzurufen oder zu vernichten, sobald diese gleichgeschlechtliche Beziehungen thematisierten.
Auch andere Kulturbereiche sind betroffen. Laut Medienberichten müssen inzwischen Biografien über Persönlichkeiten wie Michail Bulgakow oder Wladimir Wyssozki mit Warnhinweisen versehen werden, da die Behörden ihnen „Werbung für Drogenkonsum“ zuschreiben.

