Anlässlich des Pride-Monats hat die Tageszeitung Der Standard gemeinsam mit dem Linzer Market-Institut die Einstellung der österreichischen Bevölkerung zu LGBTIQ+-Themen erhoben. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Während viele Errungenschaften, wie die Ehe für alle, mittlerweile breite Zustimmung genießen, stoßen aktuelle Forderungen nach mehr Sichtbarkeit und weiterer gesellschaftlicher Anerkennung auf deutlich mehr Skepsis.
Breite Zustimmung zur Gleichstellung
Die Zustimmung zur Aussage, dass homosexuelle Menschen zur Gesellschaft gehören wie alle anderen auch, ist besonders hoch. Insgesamt stimmen 76 Prozent dieser Aussage zu, nur 15 Prozent lehnen sie ab. Auch die 2019 eingeführte Ehe für alle findet mit 61 Prozent Zustimmung eine klare Mehrheit. Allerdings halten 29 Prozent die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen noch immer für keine gute Idee.
David Pfarrhofer, Politikforscher bei Market, sieht darin ein typisches Muster gesellschaftlicher Entwicklungen. Bereits etablierte Veränderungen würden deutlich leichter akzeptiert als neue Forderungen oder Debatten. „Der Ist-Zustand wird, wie so oft, viel lieber akzeptiert als Veränderungen innerhalb der Gesellschaft“, erklärt Pfarrhofer dem Standard.
Unterschiedliche Sicht auf Diskriminierung
Bei der Frage nach der tatsächlichen Gleichberechtigung homosexueller Menschen ist die Bevölkerung gespalten. 52 Prozent sind der Meinung, dass Homosexuelle in Österreich voll und ganz gleichberechtigt sind.
Auch die Frage, ob Politik und Regierung ausreichend für die Rechte homosexueller Menschen tun, wird mehrheitlich positiv beantwortet: 53 Prozent sehen genügend Engagement, während 29 Prozent dieser Einschätzung widersprechen. Ähnlich fällt das Ergebnis bei der Aussage aus, dass bereits genug für die homosexuelle Community getan worden sei. 51 Prozent stimmen zu, 34 Prozent sehen das anders.
Eine Ausnahme bilden die FPÖ-Sympathisant:innen: Ein Großteil von ihnen ist der Meinung, dass homosexuelle Menschen schon jetzt voll und ganz gleichberechtigt sind, nicht diskriminiert werden und ohnehin schon genug für die Community getan wurde.
Pride-Parade und Regenbogenflaggen umstritten
Deutlich kontroverser wird hingegen über Symbole und Sichtbarkeit diskutiert. Kurz vor der 30. Wiener Regenbogenparade sind 46 Prozent der Befragten der Meinung, dass solche Veranstaltungen für die Gleichberechtigung heute nicht mehr notwendig sind. 42 Prozent halten sie weiterhin für wichtig.
Noch kritischer wird das Hissen von Regenbogenflaggen auf öffentlichen Gebäuden gesehen. Nur 32 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Behörden die Fahnen weiterhin zeigen sollten. Eine Mehrheit von 51 Prozent lehnt dies ab.
Auch die Forderung nach mehr öffentlicher Sichtbarkeit der LGBTIQ+-Community findet keine Mehrheit. 59 Prozent sprechen sich dagegen aus, die Community stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Lediglich 28 Prozent befürworten dies.
Weniger Zustimmung bei neuen gesellschaftlichen Fragen
Die Vorbehalte gegenüber einem dritten Geschlechtseintrag in Behördenformularen sind besonders deutlich. Nur 29 Prozent der Befragten unterstützen diese Möglichkeit, während 59 Prozent dagegen sind.
Auch bei der Frage, ob Schulen ausreichend über sexuelle Vielfalt aufklären, herrscht Unsicherheit. 37 Prozent halten die Aufklärungsarbeit für ausreichend, während 33 Prozent Defizite sehen. Auffällig hoch ist mit 30 Prozent der Anteil derer, die sich nicht klar positionieren.
Jüngere Menschen zeigen sich in mehreren Bereichen offener als ältere Generationen. Besonders bei Themen wie Regenbogenflaggen oder der Anerkennung weiterer Geschlechtseinträge neben „Mann” und „Frau” fällt die Zustimmung bei den Unter-30-Jährigen höher aus als bei den Über-50-Jährigen. Insgesamt bleiben die Unterschiede zwischen den Altersgruppen jedoch überschaubar. Auch zwischen Männern und Frauen ergeben sich laut Umfrage nur geringe Abweichungen.
Gesellschaftlicher Wandel sichtbar
Die Ergebnisse zeigen, dass zentrale Rechte queerer Menschen inzwischen von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert werden. Gleichzeitig stoßen Forderungen nach mehr Sichtbarkeit oder zusätzlichen Maßnahmen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt weiterhin auf Widerstand.
Die Umfrage wurde vom Market-Institut im Auftrag des Standard durchgeführt. Befragt wurden 807 wahlberechtigte Personen in Österreich zwischen dem 23. und 28. April 2026.

