Eine Regenbogenflagge auf dem Rathaus der niederösterreichischen Gemeinde Neulengbach sorgt derzeit für Diskussionen. Die lokale FPÖ forderte, die Flagge wieder zu entfernen. FPÖ-Gemeinderat Nikolaus Schmidt begründete dies damit, dass die österreichische Flagge bereits alle Bürger:innen repräsentiere. Die Regenbogenfahne stehe mittlerweile für eine „politische Agenda” und nicht mehr für die Gleichberechtigung homosexueller Menschen.
Für den Verein „St. Pride – Queere Menschen in Niederösterreich“ kommt diese Kritik nicht überraschend. „Die alljährliche Empörung über Regenbogenfahnen ist mittlerweile ebenso vorhersehbar wie bezeichnend“, sagte Obmensch Oskar Beneder den Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN).
Verein verweist auf historische Diskriminierung
Wenn – wie jetzt durch die FPÖ – argumentiert wird, die österreichische Flagge stehe ohnehin für alle Menschen, werde dabei ausgeblendet, dass queere Menschen in Österreich über Jahrzehnte hinweg verfolgt, kriminalisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt worden seien, so Beneder.
So gab es Sonderbestimmungen im Strafrecht, die gleichgeschlechtlich liebende Menschen diskriminiert haben – teilweise noch bis in die 2000er-Jahre. Die Geschichte zeige daher, dass Gleichberechtigung nicht selbstverständlich entstanden sei, sondern erkämpft werden musste.
„Die Regenbogenfahne ist kein politisches Symbol, sondern steht für Sichtbarkeit und Respekt“, betont Beneder. Sie macht auf Menschen aufmerksam, die lange Zeit von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen waren.
Sorge über aktuelle Entwicklungen
Der Verein verweist zudem auf bestehende Herausforderungen für queere Menschen. Als Beispiele nennt er ein fehlendes Verbot von schädlichen „Konversionstherapien”, Fragen rund um den Schutz intergeschlechtlicher Kinder sowie eine steigende Zahl von Hassverbrechen gegen queere Personen.
Vor diesem Hintergrund seien öffentliche Zeichen der Solidarität weiterhin wichtig. Die aktuelle Diskussion zeigt, dass Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz auch heute keine Selbstverständlichkeit sind.
Gestohlene Fahne am Finsterhof
St. Pride zeigt sich besonders alarmiert über einen weiteren Vorfall in Neulengbach. Kurz nach Beginn der Debatte wurde eine Regenbogenfahne vom Finsterhof gestohlen. Die Betreiberin Lisa Köhler hatte sie anlässlich des Pride-Monats aufgehängt.
„Durch solche Handlungen werden auch Argumente wie: ‚Das braucht doch heutzutage niemand mehr – es gibt doch keine Diskriminierung mehr‘, absolut widerlegt“, erklärte Köhler den NÖN nach dem Vorfall.
Für St. Pride steht der Diebstahl in einem größeren Zusammenhang. In Zeiten zunehmender Anfeindungen gegenüber queeren Menschen sei eine solche Tat ein besorgniserregendes Signal.
Neue Fahne als Zeichen der Solidarität
Von derartigen Einschüchterungsversuchen wolle man sich jedoch nicht beeindrucken lassen, heißt es bei St. Pride. „Wer glaubt, mit Diebstahl oder Einschüchterung die Sichtbarkeit verhindern zu können, irrt sich“, sagt die stellvertretende Oberperson und Pressesprecherin Tris Endl.
Jede gestohlene Fahne führe letztlich zu mehr Aufmerksamkeit und Solidarität. Deshalb kündigte der Verein an, dem Finsterhof und seiner Betreiberin eine neue Regenbogenfahne als Ersatz zu überreichen.
Mittlerweile weht wieder eine Regenbogenfahne vor dem Gelände – als Zeichen „für Toleranz, Liebe und ein buntes Miteinander“, wie Köhler betont.

