In den letzten Wochen war an einigen Bushaltestellen und anderen Standorten in Wien das Sujet „Juni ist der Herz-Jesu-Monat“ zu sehen. Neben einer Darstellung Jesu führte ein QR-Code direkt auf die Website der Österreichischen Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum (TFP).
Die Organisation nutzt die Kampagne eigenen Angaben zufolge, um „ein klares Zeichen gegen diesen Zeitgeist“ zu setzen. Auf ihrer Website bezeichnet die TFP den Pride Month unter anderem als Ausdruck einer „Sünde“ und kritisiert eine kirchliche Offenheit gegenüber der queeren Bewegung als „zutiefst häretisch“ sowie als „direkte Beleidigung der göttlichen Offenbarung“.
Gewista verweist auf Meinungsfreiheit und Rechtslage
Für die Gewista, Österreichs größten Außenwerber, besteht in den Sujets kein Verstoß gegen die eigenen Werberichtlinien. Gegenüber dem Standard erklärte man, nicht befugt zu sein, Inhalte von Auftraggebern zu zensieren. Werbesujets würden nur dann abgelehnt, wenn sie rechtswidrig seien oder etwa den Tatbestand der Verhetzung erfüllten. Das sei bei der TFP-Kampagne nicht der Fall.
Das Unternehmen gesteht ein, dass die Plakate eine Gegenposition zum Pride Month vertreten. Ob dadurch diskriminierende Aussagen gegenüber LGBTIQ+-Personen transportiert werden, könne und wolle Gewista jedoch nicht beurteilen.
Die Aufgabe beschränke sich darauf, Werbeinhalte auf ihre Rechtmäßigkeit sowie auf eine mögliche Unvereinbarkeit mit den Grundwerten eines demokratischen Rechtsstaats zu prüfen: „So, wie es den einen freisteht, ihre sexuelle Orientierung in die Öffentlichkeit zu tragen und für deren Akzeptanz zu werben, muss es den anderen freistehen, genau dies abzulehnen.“
Verhaltenskodex betont Schutz vor Diskriminierung
Die Haltung wirkt auch deshalb irritierend, weil die Gewista soziale Verantwortung und ethische Standards als Teil ihrer Unternehmenspolitik bezeichnet. Im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht heißt es: „Als Anbieter von hochwertigen Out-of-Home-Werbeflächen haben wir einen internen Prüfprozess etabliert, um die Einhaltung ethischer Standards in der Werbung zu fördern.“
Die Gewista befindet sich mehrheitlich im Besitz der französischen JCDecaux-Gruppe. Weitere Anteile werden über eine Investmentholding unter anderem von der Wiener Städtischen Versicherung sowie der SPÖ-nahen Stiftung Wiener Arbeiterheime gehalten. Auch im Verhaltenskodex von JCDecaux heißt es: „Werbung muss die Menschenwürde respektieren und darf keine Form der Diskriminierung fördern.“ Als schützenswertes Merkmal wird dort auch die sexuelle Orientierung genannt.
Wiener Linien distanzieren sich von den Inhalten
Die Wiener Linien, auf deren Haltestellen viele der Plakate angebracht waren, distanzieren sich von den Inhalten der verlinkten Website und verweisen auf ihre Ausschlusskriterien für Werbung. Demnach werden unter anderem parteipolitische, diskriminierende oder rassistische Inhalte sowie Werbung für Spirituosen und Nikotinprodukte nicht zugelassen.
Die TFP-Kampagne falle nach diesen Kriterien jedoch nicht unter einen Ausschlussgrund. Für die Vermarktung und Prüfung der Werbeflächen sei außerdem die Gewista verantwortlich, teilten die Wiener Linien dem Standard mit.
Fundamentalistische Organisation mit internationalem Netzwerk
Die Österreichische Gesellschaft für Tradition, Familie und Privateigentum (TFP) besteht seit rund 30 Jahren. International verfügt sie über ein weitreichendes Netzwerk katholisch-fundamentalistischer Organisationen, in Österreich tritt sie hingegen vergleichsweise selten öffentlich in Erscheinung.
Inhaltlich vertritt die Organisation konservative bis fundamentalistische Positionen zu Gesellschafts- und Familienpolitik. So fordert sie ein „unantastbares Lebensrecht ab der Empfängnis“, lehnt das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ab und beteiligt sich regelmäßig an Kampagnen gegen Schwangerschaftsabbrüche.
Die TFP nimmt außerdem am jährlich stattfindenden „Marsch fürs Leben“ teil. Bei dieser Veranstaltung waren in den vergangenen Jahren wiederholt rechtsextreme Akteure präsent.

