HomePolitikEuropaNach Kampagne gegen queere Kreuzfahrt: Istanbuler Traditionsclub Tekyön muss schließen

Nach Kampagne gegen queere Kreuzfahrt: Istanbuler Traditionsclub Tekyön muss schließen

18 Jahre lang war das Tekyön einer der bekanntesten Treffpunkte der queeren Community in Istanbul. Nun haben die Behörden den Club geschlossen. Der Betreiber weist sämtliche Vorwürfe zurück und spricht von irreführender Berichterstattung, die der Entscheidung vorausging.

Mit der Schließung des queeren Clubs Tekyön verliert Istanbul einen der letzten traditionsreichen Treffpunkte der LGBTIQ+-Community. Das Lokal im Stadtteil Beyoğlu musste am 27. Juni auf Anordnung der Behörden seinen Betrieb einstellen. Das Istanbuler Gouverneursamt erklärte, bei Kontrollen seien „gesetzeswidrige Praktiken und Verstöße gegen geltende Vorschriften” festgestellt worden. Welche Verstöße konkret gemeint sind, teilten die Behörden nicht mit.

Medienkampagne ging der Schließung voraus

Der Schließung war eine Kampagne regierungsnaher Medien vorausgegangen. Besonders die Zeitung *Yeni Şafak* griff den Club mit Schlagzeilen wie „Was für eine Dreistigkeit: Gay-Club will Party auf dem Bosporus veranstalten“ an. Auslöser war ein Beitrag auf den Social-Media-Kanälen von Tekyön, in dem Passagier:innen der „Mediterranean Gay Cruise 2026“ zu einer Veranstaltung im Club eingeladen wurden.

In mehreren Berichten wurde daraus der Vorwurf konstruiert, Tekyön organisiere eine große „Gay-Party“ auf einem Kreuzfahrtschiff und lade dafür gezielt homosexuelle Reisende in die Türkei ein. Kurz nach der Berichterstattung ordneten die Behörden die Schließung des Clubs an.

Betreiber widerspricht den Vorwürfen

Tekyön reagierte mit einer ausführlichen Stellungnahme. Darin weist der Club sämtliche Anschuldigungen zurück. „Unser Betrieb hat keinerlei Verbindung zur Organisation, zum Betrieb oder zur Anmietung des Atlantis-Schiffes“, erklärte der Betreiber. Ebenso habe es weder Pläne noch eine Genehmigung für eine Veranstaltung an Bord gegeben.

Der beanstandete Social-Media-Beitrag sei missverständlich formuliert worden. Tatsächlich habe sich die Einladung ausschließlich an Passagiere gerichtet, die nach ihrer Ankunft in Istanbul eine reguläre Party im Club besuchen wollten. „Wir haben keine besondere Veranstaltung für die Gäste des Schiffes geplant“, heißt es weiter. 

„Seit 18 Jahren im Einklang mit dem Gesetz“

In seiner Erklärung betont Tekyön, dass der Club seit seiner Eröffnung im Jahr 2008 alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten habe. Die Behauptung, der Club richte sich gegen die türkische Familienstruktur oder die öffentliche Moral, entbehre jeder Grundlage. Gegen Medien, die nach Ansicht des Betreibers falsche Tatsachen verbreitet und dem Unternehmen wirtschaftlichen Schaden zugefügt haben, behält sich Tekyön rechtliche Schritte vor.

Parallel zur Debatte berichtete *Yeni Şafak*, dass die Reederei den ursprünglich geplanten Halt der Kreuzfahrt in Istanbul inzwischen aus ihrem Programm gestrichen habe. Das Schiff sollte Anfang Juli mehrere Mittelmeerhäfen anlaufen, darunter Kuşadası und Istanbul.

Ein Symbol der queeren Szene verschwindet

Tekyön entwickelte sich rasch zu einem der bekanntesten queeren Lokale der Türkei. Über viele Jahre hinweg war der Club ein wichtiger Treffpunkt, insbesondere für schwule Männer. Musik, Tanz und ein geschützter Raum zum Austausch machten das Lokal zu einer festen Größe im Istanbuler Nachtleben.

Während zahlreiche queere Bars und Clubs in den vergangenen Jahren schließen mussten oder ihren Betrieb einstellten, blieb Tekyön bestehen. Für viele Besucher:innen verkörperte die Bar die frühere Ausgehkultur Beyoğlus und gehörte zu den letzten bekannten Safe Spaces der Stadt.

Teil einer größeren Entwicklung

Die Schließung erfolgt vor dem Hintergrund eines zunehmenden politischen Drucks auf die LGBTIQ+-Community in der Türkei. Erst am Wochenende hatten die Behörden erneut die Pride-Veranstaltungen in Istanbul und Izmir untersagt. Trotz der Verbote gingen Aktivist:innen auf die Straße. Dabei nahm die Polizei nach Angaben der Organisator:innen mindestens 50 Menschen in Istanbul und weitere 36 in Izmir fest. Unter den Festgenommenen befand sich auch eine Journalistin.

Zuvor hatten die Behörden bereits zahlreiche Social-Media-Konten türkischer LGBTI+-Organisationen sperren lassen. Zudem häufen sich die Ermittlungen gegen Aktivist:innen und Kulturschaffende. Menschenrechtsorganisationen warnen seit Längerem vor einer weiteren Verschärfung der Lage. Präsident Recep Tayyip Erdoğan greift LGBTIQ+-Menschen regelmäßig in öffentlichen Reden an und bezeichnet sie als Gefahr für die traditionelle Familie. 

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