HomeMedienBuch„Foto auf Anfrage“: Ein Escort, verloren im Marseille während der Corona-Pandemie

„Foto auf Anfrage“: Ein Escort, verloren im Marseille während der Corona-Pandemie

Mit seinem Debütroman „Foto auf Anfrage" hat der Franzose Simon Chevrier Frankreichs höchste Literaturauszeichnung gewonnen – ein Roman über prekäres Schwulsein, digitale Einsamkeit und die Obsession mit einem historischen Kunstwerk. Jetzt ist das Buch auch auf Deutsch erschienen.

Es ist eine dieser seltenen Auszeichnungen, die aufhorchen lässt. Mit seinem Debütroman „Foto auf Anfrage“ hat der französische Autor Simon Chevrier in diesem Jahr den Prix Goncourt du premier roman, die höchste Ehrung Frankreichs für einen Erstlingsroman, gewonnen. Das Buch liegt inzwischen auf Deutsch vor, in einer vorzüglichen Übersetzung von Christian Ruzicska.

Der Roman folgt einem namenlosen Ich-Erzähler durch Toulouse während der Corona-Pandemie und beschreibt dessen trostloses Leben. Der junge Mann ist Lehramtsstudent ohne Antrieb, arbeitet als Nachtportier in einem Hotel, verdient zu wenig für die Miete, wird aus seiner WG geworfen und obendrein liegt sein Vater im Sterben. 

Doch damit nicht genug: Der Protagonist arbeitet nebenbei auch als Sexarbeiter. Zwischen versandten Bewerbungen, Grindr-Verabredungen im Halbdunkel und diskreten Escort-Aufträgen tastet er sich durch ein Dasein, das mehr Schwebezustand als Lebensform ist.

Transaktionale Intimität

Dabei erfasst Chevrier etwas Wesentliches über das moderne schwule Leben: die verstörende Leichtigkeit, mit der Kontakte auf Dating-Plattformen angebahnt und wieder verworfen werden. Der Titel selbst ist eine Standardformel aus der Escort-Branche: „Foto auf Anfrage” bedeutet, dass private Bilder, meist Nacktaufnahmen, nur im Direktkontakt verschickt werden. Es ist die Formel für kühle, transaktionale Geschäftsmäßigkeit in einem Bereich, der sich mit Intimität und Entblößung befasst. Und genau das ist auch dieser Roman: kühl und zugleich entblößend.

Was den Erzähler dabei umtreibt, ist jedoch mehr als nur Sex. Der junge Mann wird zum psychologischen Gesellschaftsbeobachter seiner eigenen Kunden: Menschen, die älter sind, oft verheiratet, die aus Einsamkeit, Not und Gesprächsbedarf zu ihm kommen. Diese Kunden mit ihren sonderbaren Wünschen bleiben ihm mehr im Gedächtnis als die rasch gefundenen gleichaltrigen Partner, die oft nicht einmal Namen haben. 

Chevrier fängt diese Begegnungen mit einer bemerkenswerten Mischung aus Erbarmen und angewidertem Humor ein. Es ist die Illustration eines Satzes des italienischen Filmemachers Pier Paolo Pasolini, der schon vor Jahrzehnten sagte, dass Sex, wenn er wie ein Glas Wasser konsumiert wird, Beziehungen eher verhindert als ermöglicht.

Das Kunstwerk im Schlafzimmer

Doch der Roman verfolgt eine weitere Obsession: Im Schlafzimmer seines Ex-Freundes entdeckt der Erzähler die Schwarz-Weiß-Fotografie Daniel Schook Sucking Toe von Peter Hujar. Das Bild zeigt einen nackten, sehr jungen Mann auf einem Stuhl, der seinen Zeh in starker Verrenkung lutscht. Der Blick des Modells ist zugleich verletzlich und unnachgiebig – und dieser Blick lässt den Erzähler nicht los. Die Recherche, um herauszufinden, wer Daniel Schook war, wird zur Obsession und gibt dem ansonsten zerfasernden Alltag eine Struktur.

Dabei verwebt Chevrier die Chelsea-Hotel-Bohème der 1970er und 1980er Jahre mit seiner Gegenwart. David Wojnarowicz, Hervé Guibert und Nan Goldin sind ebenso präsent wie Billie Eilish, Annie Ernaux und Netflix. Entstanden ist ein schonungsloses Porträt einer queeren Generation Z, die durch die Verbrüderung mit dem Gestern Halt im Heute zu finden sucht.

Die Kunst der Ungerührtheit

Chevrier arbeitet stilistisch mit bewundernswerter Distanziertheit. Der Text ist karg und protokollarisch. Dies ist an dem reduzierten, fast klaglosen Ich-Erzähler erkennbar, der sich selbst schonungslos beschreibt, aber ohne Mitleid mit sich selbst zu haben. Selbst die größten Schicksalsschläge erscheinen wie durch ein Milchglas oder in Watte gepackt – bis der Vater stirbt. Nicht an Corona, sondern an unheilbarem Krebs, im Schlafzimmer eines Arztes durch assistierten Suizid. 

Der Vater ist die einzige Person, die der Erzähler je geliebt hat. Mit dieser Zäsur wird der Roman für einen Moment leiser und ernster. Dabei stellt sich die zentrale Frage: Ist die Spurensuche nach Daniel Schook vielleicht weniger kunsthistorisches Interesse als existenzielle Selbstbefragung – der Versuch, im Blick eines Fremden das eigene, noch unentschiedene Bild zu erkennen?

Dieser französische Debütroman, der das digitale Schwulsein unserer Zeit mit solch einer Präzision erfasst – die Isolation, die Transaktionalität, die Suche nach Bedeutung in einer Welt, in der nur Daten und Bilder zirkulieren – verdient nicht nur den Prix Goncourt. Dieses Buch muss gelesen werden.

Buchtipp
Simon Chevrier
Foto auf Anfrage
Roman | 160 Seiten | Albino Verlag
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