Am Samstagmittag war es vorbei: Jens Spahn kündigte mit einem Schreiben an die Mitglieder der CDU/CSU-Fraktion seinen sofortigen Rücktritt an. Grund ist ein klassisches Dilemma zwischen privaten Wünschen und öffentlicher Glaubwürdigkeit. Spahn und sein Mann Daniel Funke hatten vor wenigen Tagen bekannt gegeben, dass sie durch eine Leihmutter in den USA Väter eines Sohnes namens Georg geworden sind. Diese Lösung ist in Deutschland verboten und gegen sie betreibt Spahns eigene Partei aktiv Politik.
Bundeskanzler Merz bezeichnet den Schritt als „richtig“
In seinem Rücktrittsschreiben führt Spahn aus, ihm sei „in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt“. Den „Spagat zwischen meiner privaten Entscheidung für ein Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an mich als Vorsitzenden unserer Fraktion“ könne er nicht bewältigen. Der Druck war am Wochenende einfach zu groß geworden.
Die Wirkung war prompt: Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz bezeichnete den Schritt als „richtig“ und „unvermeidlich“ und fügte hinzu: „Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.“ CSU-Chef Markus Söder hingegen sprach von einer „persönlichen Entscheidung“, für die Spahn Respekt verdiene. Die bisherige Arbeit Spahns in der Koalition wurde von Merz als „wichtige Stütze“ gewürdigt.
Bedauern in der eigenen Partei – aber auch Kritik an der Gesetzgebung
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) drückte sein Verständnis aus, bezeichnete die gesamte Situation jedoch als „große Tragik“. Die Debatte der vergangenen Tage sei „an vielen Stellen überzogen“ geführt worden, auch wenn die Fragen berechtigt gewesen seien. Wüst appellierte öffentlich, Rücksicht auf das Kind zu nehmen: „Kinder können am wenigsten für die Umstände ihrer Herkunft. Niemand sucht sich die Umstände seiner Geburt aus.“
Brandenburgs CDU-Landeschef Jan Redmann, der selbst schwul ist, würdigte Spahns Rücktritt, monierte aber, dass „manche Kritik […] Maß und Mitte verloren“ habe. „Das christliche Menschenbild muss sich auch im Umgang miteinander beweisen”, mahnte er.
Opposition nutzt den Rücktritt für Generalabrechnung
Während der SPD-Koalitionspartner durch Fraktionschef Matthias Miersch Respekt zollte, „viel Kraft“ wünschte und die Leihmutterschaftsfrage bewusst der Union überließ, gingen Opposition und einzelne Grüne deutlich härter ins Gericht. Die Fraktionschefs der Grünen und der Vorsitzende der Partei Die Linke, Luigi Pantisano, nutzten Spahns Rücktritt, um die Maskenaffäre aus seiner Zeit als Gesundheitsminister, seine Treffen im Umfeld des Tech-Milliardärs Peter Thiel und weitere Skandale aufzugreifen.
Auch queerpolitische Stimmen aus den progressiven Parteien meldeten sich zu Wort: Die Grünen-Politikerin Nyke Slawik schrieb, es sei symptomatisch für das „CDU-Mindset 2026”, dass Spahn nicht über den Maskenskandal, sondern über die vermeintliche Doppelmoral bei der Familienplanung falle. Der queerpolitische Sprecher der Linksfraktion, Maik Brückner, twitterte bissig: „Gut, dass Spahn endlich weg ist. Aber komisch, warum es nicht wegen Maskendeals oder Treffen mit rechtsextremen Tech-Bros ist […]. Nein, er ist an den eigenen Reihen gescheitert, denen er am Ende eben doch zu queer war.”
Der Kernkonflikt: Privat nutzen, politisch verbieten
Der Kern des Skandals ist einfach: Leihmutterschaft ist in Deutschland illegal. Die CDU hat im Februar auf einem Parteitag bekräftigt, das Verbot aufrechtzuerhalten, und lehnt auch liberale Modelle ab. Spahn, der von 2018 bis 2021 Bundesgesundheitsminister war, stand öffentlich hinter diesem Kurs. Bereits 2015 sagte er dem Magazin GQ: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.“
Wer sich in Spahns Situation ein Kind wünscht, muss notgedrungen den Weg ins Ausland wählen – rechtlich zulässig, aber ethisch für seine Partei brisant. Diese Unvereinbarkeit war der Grund, warum auch Merz auf einen Rücktritt hinarbeiten musste, bevor sein Sommerinterview im ZDF am Sonntag anstand. CSU-Fraktionschef Alexander Hoffmann übernimmt vorläufig die Amtsgeschäfte.

