HomeMagazinGesellschaftVerborgene Bilder: Projekt dokumentiert queeres Alltagsleben in Österreich

Verborgene Bilder: Projekt dokumentiert queeres Alltagsleben in Österreich

Ein Forschungsprojekt am Österreichischen Filmmuseum beleuchtet die audiovisuelle Selbstrepräsentation der LGBTI-Community in Österreich und eröffnet so neue Blickwinkel auf ihre Geschichte.

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Das Projekt „Visual History of LGBTIQ+ in Austria and Beyond“  unter der Leitung von Dr. Katharina Müller erforscht die Film- und Bildgeschichte der LGBTI-Community in Österreich. Das von 2023 bis 2025 vom Wissenschaftsfonds FWF im Rahmen des Elise-Richter-Programms geförderte Forschungsprojekt widmet sich bisher wenig erforschten Aspekten queerer Lebenswelten.

Queere Geschichte war in Österreich lange eine Geschichte von Verboten und Unsichtbarkeiten

Bis 1971 war Homosexualität in Österreich gänzlich verboten. Bis 1996 gab es zudem ein Werbe- und Vereinsverbot für LGBTI-Personen. Diese restriktiven Rahmenbedingungen hatten erhebliche Auswirkungen auf die Darstellung queerer Lebensweisen. 

Audiovisuelle Dokumentationen blieben oft im Verborgenen und entzogen sich der öffentlichen Wahrnehmung. „Die Geschichte queerer Menschen wurde lange Zeit nur bruchstückhaft dokumentiert“, sagt Müller. „Mit unserem Projekt wollen wir dazu beitragen, diese Lücken zu schließen.“

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Im Mittelpunkt stehen dabei „ephemere Filme“: Homemovies, Amateurvideos und Kampagnenfilme, die außerhalb kommerzieller oder künstlerischer Kontexte entstanden sind. Sie geben intime Einblicke in das Leben der LGBTI-Community und zeigen zugleich, wie queere Menschen ihre eigene Geschichte schreiben.

Drei Sphären von Öffentlichkeit

Die Forschung unterscheidet drei Sphären der Öffentlichkeit: Erstens die „große“ Öffentlichkeit mit Repräsentationen in Fernsehen und Film. Die zweite Sphäre sind Gegenöffentlichkeiten mit aktivistischen Filmen, die oft aus der Community selbst kommen. Und schließlich gibt es geheime Öffentlichkeiten, die durch persönliche Aufnahmen und Home Movies repräsentiert werden.

Diese Differenzierung ermöglicht ein besseres Verständnis der verschiedenen Ebenen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit queerer Menschen. Die „geheimen Öffentlichkeiten“ bringen ethische Herausforderungen mit sich: Viele der Filme waren nie für eine breite Rezeption gedacht.

„Wir müssen sensibel mit diesem Material umgehen, um die Privatsphäre der Betroffenen zu schützen und gleichzeitig ihre Geschichten sichtbar zu machen“, erklärt Müller.

Sammlungsprojekt „Regenbogenfilme“: Queere Geschichten bewahren

Parallel zur Forschung läuft das Sammlungsprojekt „Regenbogenfilme“ , eine Kooperation von QWien, dem Zentrum für Queere Geschichte, und dem Österreichischen Filmmuseum. Hier werden queere Menschen eingeladen, ihre Filmgeschichte zu teilen. Von privaten Super-8-Filmen bis hin zu aktivistischem Material erzählt jeder Film seine eigene Geschichte und fügt sich in das Mosaik queerer Lebensrealitäten ein.

Das Projekt setzt auch einen innovativen Ansatz um: kuratorischen Aktivismus. In kleinen Filmvorführungen wird das gesammelte Material einem ausgewählten Publikum gezeigt. 

Diese Veranstaltungen werden nicht gezielt über große Ankündigungen beworben, sondern basieren auf Mundpropaganda innerhalb der queeren Peergroups. „So bleiben die Screenings in einem vertraulichen Rahmen und schaffen gleichzeitig einen geschützten Raum für den Austausch“, betont Müller.

Historische Relevanz queerer Archive

Die Notwendigkeit eines solchen Projekts wird durch historische Ereignisse wie die Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin 1933 besonders deutlich. 

Dieses Ereignis markiert einen der ersten Angriffe auf queere Archive und zeigt, wie fragil solche Sammlungen sind. „Queere Geschichte ist immer auch die Geschichte von Räumen, in denen Identität gelebt oder nicht gelebt werden kann“, so Müller.

Heute, im Zeitalter der digitalen Überwachung, gewinnen diese Fragen an Bedeutung. Sichtbarkeit kann Empowerment bedeuten, birgt aber auch Gefahren – gerade in Kontexten zunehmender Repression.

Ein Beitrag zur Zukunft der LGBTI-Geschichte

Mit dem Forschungsprojekt „Visual History of LGBTIQ+ in Austria and Beyond“ entsteht nicht nur eine visuelle Chronik, sondern auch eine neue Perspektive auf queere Lebenswelten. Müllers Arbeit regt dazu an, den Umgang mit Bildern und die Darstellung marginalisierter Gruppen kritisch zu hinterfragen.

„Es ist eine Gratwanderung zwischen Sichtbarkeit und Schutz“, resümiert Müller. „Aber es ist eine Reflexion, die angesichts der Digitalisierung und ihrer Risiken immer wichtiger wird.“

Das Projekt wird nicht nur die österreichische LGBTI-Geschichte bereichern, sondern auch internationale Impulse setzen, wie visuelle Dokumentation als Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses verstanden werden kann.

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