Nach zehn Jahren kehrt Jérémie (Félix Kysyl) in seinen Heimatort Saint-Martial im Süden Frankreichs zurück. Anlass ist die Beerdigung des Dorfbäckers Jean-Pierre, bei dem er als Jugendlicher eine Lehre absolvierte – und möglicherweise eine noch tiefere Verbindung hatte.
Eine Rückkehr mit Folgen
Doch die Wiederkehr ist nicht ohne Spannungen: Jean-Pierres Sohn Vincent (Jean-Charles Clichet), ein jähzorniger Mann mit unausgelebten Impulsen, begegnet ihm mit Misstrauen, aber auch mit unterschwelliger Faszination.
Alain Guiraudie entfaltet eine dichte Atmosphäre aus heimlichen Blicken, unklaren Absichten und der ständigen Bedrohung, die unter der ländlichen Idylle brodelt. Jérémie wird schnell zur Projektionsfläche für verdrängte Sehnsüchte – nicht nur für Vincent, sondern auch für die resolute Bäckerswitwe Martine (Catherine Mouchet), den neugierigen Pfarrer Grisolles (Jacques Nolot) und den benachbarten Bauern Walter (Thomas Suire).
Als Vincent plötzlich verschwindet, fällt der Verdacht sofort auf den Außenseiter Jérémie. Doch Misericordia interessiert sich weniger für eine klassische Kriminalhandlung als für die Dynamiken von Begehren, Angst und sozialer Kontrolle.
Erotik, Macht und subtile Manipulation
Wie in „Der Fremde am See“ (2013) oder „Rester Vertical“ (2016) verwebt Guiraudie queere Begierden mit gesellschaftlichen Zwängen. Seine Figuren sind gefangen in ihrer eigenen Körperlichkeit, unfähig, ihre Wünsche offen zu artikulieren. Besonders die Beziehung zwischen Jérémie und Vincent bleibt unklar – ist es Feindschaft, Verlangen oder beides zugleich?
Die Inszenierung hält geschickt die Balance zwischen Sinnlichkeit und Unbehagen. Les Inrockuptibles hebt hervor, dass Guiraudie „ein Meister der erotischen Spannung ist, der Momente der Zärtlichkeit mit plötzlichen Ausbrüchen von Gewalt kontrastiert“.
Zugleich verleiht der Regisseur dem Geschehen eine leicht groteske Note: Die Annäherungsversuche der Witwe Martine, die übergriffige Neugier des Pfarrers oder die stoische Gleichgültigkeit der Dorfbewohner erzeugen einen subtilen Humor, der sich nie in Karikatur verliert.
Mythische Aufladung und filmische Anspielungen
Neben der erotischen Spannung durchzieht eine mythisch-religiöse Symbolik den Film. Der Titel Misericordia (lateinisch für „Barmherzigkeit“) verweist nicht nur auf den katholischen Hintergrund der Geschichte, sondern auch auf die Frage nach Schuld und Vergebung. Der Pfarrer Grisolles wirkt weniger wie eine moralische Instanz als wie eine weitere Figur, die sich in den Ambivalenzen des Begehrens verheddert.
Filmisch ist Guiraudies Werk eine Hommage an Alfred Hitchcock und Pier Paolo Pasolini. Die dörfliche Atmosphäre erinnert an Hitchcocks „Im Schatten des Zweifels“ (1943), während die sinnliche Rohheit der Bilder an Pasolinis „Teorema“ (1968) denken lässt. Cahiers du Cinéma lobte den Film als „eine unverschämt freie Erkundung von Lust, Angst und Macht – mit einem anarchischen Sinn für Humor“.
Ein Meisterwerk mit Ecken und Kanten
Misericordia ist kein Film, der einfache Antworten gibt. Manche Kritiker bemängeln eine gewisse Redundanz in der zweiten Hälfte, doch gerade diese kreisende Erzählweise spiegelt die innere Gefangenschaft der Figuren wider. Zwischen Thriller, Komödie und Sozialdrama bewegt sich Guiraudie mit seinem ganz eigenen Rhythmus – und bleibt einer der originellsten Filmemacher des zeitgenössischen französischen Kinos.


