HomeMagazinKultur„Das Vermächtnis“: Ein bewegendes Epos über schwule Identität und Gemeinschaft

„Das Vermächtnis“: Ein bewegendes Epos über schwule Identität und Gemeinschaft

Matthew López’ gefeiertes Drama über die schwule Community New Yorks feiert in der Josefstadt eine beeindruckende Premiere. Regisseur Elmar Goerden bringt das monumentale Werk mit einem exzellenten Ensemble auf die Bühne – ein langer, aber lohnender Theaterabend.

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Mit Das Vermächtnis (The Inheritance) gelang dem US-Dramatiker Matthew López 2018 ein bedeutendes Theaterstück, das mit Preisen überhäuft wurde und als eines der wichtigsten Dramen des Jahrzehnts gilt.

López orientierte sich lose an E. M. Forsters Roman Howards End (1910) und übertrug dessen Thematik – Klassengegensätze, Besitzverhältnisse und moralische Verantwortung – auf die schwule Gemeinschaft im New York der 2010er-Jahre. Dabei entstand eine mitreißende, emotionale Geschichte über Liebe, Verlust und das Erbe der queeren Bewegung.

Die Inszenierung: Minimalistisch und intensiv

Das Stück, das in zwei Teilen oder als siebeneinhalbstündiger Marathon gezeigt wird, umfasst mehrere Zeitebenen und erzählt von verschiedenen Generationen schwuler Männer, die sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen müssen – von den Überlebenden der AIDS-Krise bis zu den Millennials, die auf den Errungenschaften ihrer Vorgänger aufbauen. Dass die Österreich-Premiere nun in eine Zeit fällt, in der die Rechte sexueller Minderheiten in vielen Ländern wieder unter Druck geraten, verleiht der Inszenierung zusätzliche Brisanz.

Regisseur Elmar Goerden setzt in seiner Inszenierung auf eine reduzierte Bühne, gestaltet von Silvia Merlo. Die abstrakte Kulisse verzichtet auf realistische Schauplätze, sodass der Fokus ganz auf den Schauspielern und der Erzählung liegt. Kuben, wechselnde Lichtstimmungen und wenige Requisiten genügen, um Orte wie ein elegantes Apartment in der Upper West Side oder ein abgelegenes Landhaus erfahrbar zu machen.

Diese Entscheidung erweist sich als klug: Das Vermächtnis lebt nicht von aufwendigen Bühnenbildern, sondern von seinen komplexen Charakteren und deren Beziehungen. Goerden gelingt es, die Spannung über die gesamte Länge hinweg aufrechtzuerhalten – auch wenn sich im zweiten Teil einige erzählerische Längen einschleichen.

Ein brillantes Ensemble

Im Zentrum des Geschehens stehen Eric Glass und Toby Darling, ein ungleiches Paar, das seit sieben Jahren zusammenlebt. Martin Niedermair spielt Eric mit zurückhaltender Sensibilität – als moralischen Anker der Geschichte, der sich selbstlos um andere kümmert. Raphael von Bargen gibt Toby als charismatischen, aber selbstbezogenen Schriftsteller, dessen Ehrgeiz und Egoismus seine Beziehungen immer wieder auf die Probe stellen. Die beiden Schauspieler bilden das emotionale Kraftzentrum der Inszenierung und überzeugen mit ihrer nuancierten Darstellung.

Nils Artmann brilliert in einer Doppelrolle als verwöhnter Schauspieler Adam und als obdachloser Sexarbeiter Leo. Besonders als Leo hinterlässt er einen starken Eindruck: Sein gebeugter Körper und seine gebrochene Stimme verleihen der Figur eine erschütternde Verletzlichkeit.

Auch die ältere Generation ist hervorragend besetzt: Joseph Lorenz verkörpert den wohlhabenden Immobilienmogul Henry Wilcox mit kühler Eleganz, während Ulrich Reinthaller als sein langjähriger Partner Walter mit tiefgehender Melancholie beeindruckt. In Rückblenden erscheinen die beiden als junge Männer, gespielt von Julian Valerio Rehrl und Tobias Reinthaller – eine gelungene Parallelführung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Andrea Jonasson sorgt für einen bewegenden Moment

E. M. Forster selbst tritt als Erzählerfigur auf – hier als „Morgan“ bezeichnet. Sein Eingreifen in die Handlung verleiht dem Stück eine meta-theatrale Dimension und erinnert daran, dass er als homosexueller Schriftsteller zu Lebzeiten seine wahre Identität nie offen ausleben konnte.

Einen besonders bewegenden Moment bietet Andrea Jonasson in ihrem kurzen, aber intensiven Auftritt als Margaret, die Mutter eines an AIDS verstorbenen Sohnes. Ihr Monolog über Schuld und Verlust bildet einen der emotionalen Höhepunkte des Abends.

Humor und Tragik im Gleichgewicht

López’ Stück behandelt ernste Themen, aber es verzichtet nicht auf Humor. Die ersten Szenen sind geprägt von schlagfertigem Witz, Ironie und der Leichtigkeit eines New Yorker Freundeskreises, der sich zwischen Brunches und Partys bewegt. Doch mit zunehmender Dauer verdichtet sich die Handlung, und die Figuren müssen sich mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzen.

Besonders eindrücklich sind die Rückblicke auf die 1980er-Jahre, in denen die AIDS-Krise wütete. López zeigt, wie sich das Trauma dieser Zeit auf die nachfolgenden Generationen auswirkt. In einer der stärksten Szenen konfrontiert Henry die jungen Männer mit der Realität von damals – einer Zeit, in der viele seiner Freunde starben und die Gesellschaft Homosexuelle kriminalisierte.

Eine politische Dimension

Neben den persönlichen Geschichten zieht sich eine klare politische Linie durch das Stück. Das Vermächtnis spielt in den letzten Jahren der Obama-Präsidentschaft und endet kurz nach der ersten Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten – ein Schock für die Community, die Hoffnungen auf Fortschritt hatte. Die Frage, wie sicher die errungenen Rechte wirklich sind, schwebt über der gesamten Inszenierung.

Regisseur Goerden betonte im Vorfeld, wie relevant das Stück in der aktuellen politischen Landschaft sei. Der wachsende konservative Backlash gegen LGBTQ+-Rechte und die Abschaffung von Diversitätsprogrammen in den USA verleihen der Aufführung eine bedrückende Aktualität.

Ein anspruchsvolles, aber lohnendes Theatererlebnis

Mit Das Vermächtnis bringt die Josefstadt eine außergewöhnliche Inszenierung auf die Bühne, die sowohl intellektuell herausfordert als auch emotional berührt. Die starke Ensembleleistung, die kluge Regie und die universellen Themen machen das Stück zu einem Theaterereignis, das lange nachhallt.

Ja, die Länge ist eine Herausforderung – insbesondere im zweiten Teil gibt es Passagen, die etwas straffer erzählt werden könnten. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem tiefgehenden, bewegenden und hochaktuellen Drama belohnt. Kein Wunder, dass das Publikum am Premierenabend mit stehenden Ovationen reagierte.

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