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Queere Operette neu gelesen

Kevin Clarke legt mit „Glitter and Be Gay Reloaded“ eine erweiterte Neuauflage seines wegweisenden Sammelbands vor. Das Buch untersucht die enge Verbindung von Operette und schwuler Kultur – historisch, politisch und ästhetisch.

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Mit der aktualisierten Ausgabe von „Glitter and Be Gay“ bringt Kevin Clarke, Direktor des Operetta Research Center Amsterdam, eine umfassende queere Relektüre des Musiktheaters auf den Punkt. Die Neuauflage des ursprünglich 2007 erschienenen Sammelbands beleuchtet den Einfluss homosexueller Künstler auf die Operette und zeigt, wie stark queere Codes und Ästhetiken das Genre geprägt haben – auch wenn sie lange ignoriert oder verdrängt wurden.

Operette als queerer Resonanzraum

„Glitter and Be Gay Reloaded“ versammelt Beiträge internationaler Autor*innen wie Richard C. Norton, Christophe Mirambeau und Kurt Gänzl. Sie analysieren Operette nicht nur als unterhaltsame Kunstform, sondern als Projektionsfläche für queere Identitäten. Clarke selbst schreibt im Vorwort: „Wer meint, Musical sei nur Eskapismus, hat nicht verstanden, worum es beim Queer-Sein geht.“

Ein zentrales Thema ist die Rolle homosexueller Akteure in der Geschichte der Operette: als Komponisten, Texter, Sänger, Regisseure – und als leidenschaftliches Publikum. Der Band geht etwa auf Erik Charell ein, der in den 1920er Jahren mit seinen Revue-Operetten queere Ästhetik und Jazz auf die Bühne brachte. Die nationalsozialistische Zensur beendete diese Phase abrupt. Clarke und seine Mitautor:innen zeigen: Mit dem Ausschluss schwuler Künstler verlor die Operette einen Teil ihrer Vitalität und Vielschichtigkeit.

Zwischen Camp, Cross-Dressing und Tiroler Jungs

Ein besonderes Augenmerk gilt der Darstellung von Geschlecht und Begehren. Ein Beitrag untersucht die Figur des „Tiroler Burschen in Lederhosen“ als Projektionsfläche für homoerotische Fantasien. Auch das Cross-Dressing in Wiener Operetten zwischen 1860 und 1936 wird analysiert – etwa in Rollen, die geschlechtliche Grenzen aufweichen oder parodieren.

Das Konzept des „Camp“ zieht sich als analytischer Faden durch mehrere Beiträge. Es erklärt, warum Operette mit ihrer Mischung aus Sentimentalität, Künstlichkeit und Übertreibung gerade für queeres Publikum eine besondere Anziehungskraft besitzt. Clarke betont: „Camp ist kein Stil – es ist eine Haltung. Und die Operette war immer eine Bühne dafür.“

Zeitgenössische Perspektiven und queere Relektüren

Auch aktuelle Werke finden Platz im Band. So wird etwa die US-Operette „The Beastly Bombing“ (2006) vorgestellt – ein bewusst provokantes Werk, das mit einem schwulen Jesus, religiösen Fanatikern und terroristischen Klischees spielt. Solche Stücke führen die Tradition der subversiven Operette fort und zeigen, wie sich das Genre auch heute noch für queere Themen eignet.

Ein weiteres Kapitel widmet sich der queeren Theaterarbeit in Berlin, wo Performer:innen mit Drag, Genderfluidität und politischem Aktivismus auf die Bühne treten. Die Regisseurin Anna Teresa Scheer berichtet von einer queeren Neudeutung von „The Sound of Music“, die trotz Widerstands auf großes Interesse stieß – besonders bei jungen, queeren Zuschauerinnen.

Wissenschaftlich fundiert, aber zugänglich

Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs bleibt die Sprache der Beiträge verständlich. Die Texte verzichten größtenteils auf Fachjargon und richten sich ausdrücklich auch an ein interessiertes Laienpublikum. Clarke gelingt es, akademische Tiefe mit kultureller Relevanz zu verbinden. Jeder Beitrag wird eingeleitet von einer kurzen Einführung, die Thema und Perspektive der Autor*innen umrissen.

Die Vielfalt der Stimmen – von Musikwissenschaftlerinnen über Performerinnen bis hin zu Historiker:innen – sorgt für eine breite, interdisziplinäre Betrachtung. Besonders stark wirkt der Band dort, wo er persönliche Erfahrungen mit theoretischer Reflexion verbindet.

Gestaltung, Aufbau und Wirkung

Die Gestaltung ist hochwertig: Der Band enthält zahlreiche Fotografien, Archivmaterialien und Inszenierungsbilder, die die Themen visuell ergänzen. Der Titel „Glitter and Be Gay Reloaded“ – eine Anspielung auf Leonard Bernsteins Arie aus Candide – signalisiert sowohl Glamour als auch politische Aussagekraft.

Clarke bricht bewusst mit konservativen Sichtweisen auf die Operette. Statt Nostalgie rückt er queere Realität, marginalisierte Perspektiven und künstlerische Subversion ins Zentrum. Damit positioniert sich das Buch nicht nur als Beitrag zur Musiktheaterforschung, sondern auch als Statement für Sichtbarkeit und Selbstermächtigung im Kulturbetrieb.

Buchtipp
Kevin Clarke (Herausgeber)
Glitter and Be Gay Reloaded
Sachbuch | 352 Seiten | Männerschwarm Verlag
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