An der U-Bahn-Station Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg wurde am Montag die Gedenktafel für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus großflächig beschädigt. Die dreieckige Steintafel mit der Inschrift „Totgeschlagen – totgeschwiegen – den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“ wurde mit roter Farbe übersprüht.
Die Schmierereien sollen zeitnah entfernt werden
Außerdem tauchten die Worte „HIV“ und „Dresden“ auf. Die sächsiche Hauptstadt wird in rechten Kreisen häufig im Kontext geschichtsrevisionistischer Narrative verwendet.
Eine Passantin entdeckte die Beschädigung am frühen Morgen und alarmierte die Polizei. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wurden informiert. Laut Polizeiangaben wurde die Entfernung der Schmierereien bereits veranlasst.
„Direkter Angriff auf queere Erinnerungskultur“
Sebastian Walter, queerpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, zeigte sich erschüttert über den Vorfall. In einer Mitteilung bezeichnete er die Tat als „direkte Attacke auf unsere queere Erinnerungskultur und auf die Würde derer, die im Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt und ermordet wurden“. Walter veröffentlichte auf Instagram ein Foto der beschmierten Tafel.
Er fordert eine umfassende Strategie zum Schutz queerer Orte in Berlin. Gegenüber dem Magazin Siegessäule kritisierte er die derzeitige Lage: „Aktuell fühlen sich viele der Institutionen vor allem alleingelassen.“
Er verweist auf eine Zunahme queerfeindlicher Angriffe auf Einrichtungen wie das Schwule Museum, das Café Rut oder das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten. Neben verstärkter Polizeipräsenz nennt Walter finanzielle Mittel und Präventionsarbeit in den Kiezen als notwendige Maßnahmen.
Denkmal mit historischer Bedeutung
Die Gedenktafel am Nollendorfplatz wurde am 24. Juni 1989 eingeweiht. Es war das erste Mahnmal in Deutschland, das öffentlich an homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus erinnerte.
Initiiert wurde das Projekt von der Allgemeinen Homosexuellen Arbeitsgemeinschaft (aha) und der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK). Die Tafel trägt den rosa Winkel – das Symbol, mit dem homosexuelle Männer in Konzentrationslagern gekennzeichnet wurden. Im Jahr 1993 wurde sie durch eine bronzene Zusatztafel ergänzt, die an die Schließung queerer Treffpunkte in der NS-Zeit erinnert.
Polizei hat Ermittlungen aufgenommen
Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Ob ein politisch motivierter Hintergrund vorliegt, ist derzeit Gegenstand der Untersuchungen. Der Kontext der Begriffe und die Art der Tat legen einen gezielten Angriff auf die queere Community nahe.
Immer wieder kommt es in Berlin zu Übergriffen auf queere Infrastruktur. Vertreter:innen der Community fordern daher verstärkte Maßnahmen, um solche Orte langfristig zu schützen und sichtbar zu halten.

