Ein ehemaliger US-Polizist aus Wisconsin hat durch eine fragwürdige Einschätzung maßgeblich zur Abschiebung eines queeren venezolanischen Asylbewerbers beigetragen. Andry José Hernández Romero, ein 31-jähriger Make-up-Artist, wurde im März 2025 ohne gerichtliche Anhörung oder Abschiebungsbefehl nach El Salvador gebracht – in eines der umstrittensten Gefängnisse der Welt: das Terrorism Confinement Center (CECOT).
Verantwortlich war ein Ex-Cop, gegen den ermittelt wurde
Verantwortlich für die verhängnisvolle Einstufung war ein früherer Sergeant des Milwaukee Police Department. Dieser wurde 2012 entlassen, nachdem er betrunken mit seinem Auto in ein Wohnhaus gerast war. Damals lief zudem eine Untersuchung gegen ihn wegen mutmaßlichem Betrug bei Überstundenabrechnungen.
Trotz seiner problematischen Vorgeschichte arbeitet er heute als „Ermittler“ für den privaten Gefängnisbetreiber CoreCivic, der im Auftrag von U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) handelt.
Tätowierungen als einziges Indiz für Bandenmitgliedschaft
Laut einem Bericht der Tageszeitung USA Today basierte seine Einschätzung auf zwei kleinen Kronen-Tattoos über den Wörtern „Mom“ und „Dad“ auf Hernández’ Handgelenken. Offiziell sollte der Ex-Cop mutmaßliche Mitglieder der berüchtigten Bande „Tren de Aragua“ identifizieren – obwohl ihm laut Bericht jegliche formale Ausbildung im Bereich Bandenkriminalität fehlt.
„Diese Tattoos sind im Schönheitswettbewerbs-Umfeld nichts Ungewöhnliches“, erklärte Hernández’ Anwältin Lindsay Toczylowski gegenüber CBS News. „Für ihn sind seine Eltern König und Königin – das ist die plausible Erklärung.“
Ein offizielles Bewertungsformular, das USA Today einsehen konnte, vermerkte Hernández einzig aufgrund seiner Tätowierungen als „Verdächtigen“. Weitere Belege – etwa Informationen von anderen Behörden oder Gruppenfotos mit Bandenmitgliedern – fehlten. Dennoch führte diese Einstufung zur Deportation.
Deportation ohne rechtliches Gehör
Hernández war im August 2024 über die offizielle App CBP One am Grenzübergang San Ysidro in Kalifornien eingereist und hatte dort erfolgreich ein erstes Asylinterview bestanden. Noch bevor er vor Gericht erscheinen konnte, wurde er allerdings in Ketten nach El Salvador ausgeflogen. ICE hatte ihn in das Otay Mesa Detention Center in San Diego gebracht – dort wurde das umstrittene Gutachten erstellt.
Die US-Regierung beruft sich auf weitreichende Befugnisse nach dem Alien Enemies Act von 1798, um mutmaßliche Bandenmitglieder ohne Verfahren abzuschieben. Ob in Hernández’ Fall weitere Stellen involviert waren oder ausschließlich zwei CoreCivic-Mitarbeiter die Entscheidung trafen, ist bisher unklar.
Ein Sprecher des Heimatschutzministeriums (DHS) erklärte gegenüber USA Today, dass man sich nicht nur auf Tätowierungen stütze, sondern umfassendere Erkenntnisse habe. Details nannte das Ministerium nicht. Auch ICE äußerte sich nicht zur konkreten Rolle privater Sicherheitsfirmen.
CECOT: Isolation, Gewalt und keine Kommunikation
In CECOT, dem salvadorianischen Mega-Gefängnis mit Platz für 40.000 Insassen, gelten strenge Isolationsbedingungen. Der Fotojournalist Philip Holsinger, der den Gefangenentransport dokumentierte, berichtete gegenüber 60 Minutes, dass Hernández bei der Ankunft rief: „Ich bin kein Bandenmitglied. Ich bin schwul. Ich bin Stylist.“ Dabei sei er von Wärtern geschlagen worden.
„Er rief unter Tränen nach seiner Mutter“, schilderte Holsinger. „Das war einer der bewegendsten Momente.“ Laut seinen Aussagen werden in CECOT alle Gefangenen kahl rasiert, müssen auf Metallplatten schlafen, dürfen nicht sprechen und haben keinen Zugang zu Medien oder Besuch.
Internationale Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Langem die Zustände in dem Hochsicherheitsgefängnis. Für queere Insassen sei die Lage besonders gefährlich, da sie aufgrund äußerlicher Merkmale oder Vorurteile gezielt isoliert oder misshandelt würden.
Anwälte fordern Aufklärung und Rechenschaft
Anwältin Toczylowski äußerte sich schockiert über die Vorgehensweise der Behörden. „Einen Menschen ohne Gerichtstermin oder Abschiebebefehl zu entfernen, widerspricht jedem rechtsstaatlichen Prinzip“, sagte sie. „Wir wussten nicht einmal, dass er nicht mehr in den USA ist – bis er plötzlich aus der Haft verschwunden war.“
Auch die American Immigration Lawyers Association sieht Handlungsbedarf. „Solche folgenschweren Entscheidungen dürfen nicht von nicht rechenschaftspflichtigen Subunternehmern getroffen werden“, sagte Greg Chen gegenüber USA Today.
Der Fall von Andry Hernández Romero hat inzwischen nationale Aufmerksamkeit erregt. Die TV-Moderatorin Rachel Maddow thematisierte ihn in ihrer Sendung und bezeichnete ihn als Teil „einer dramatischen Krise“, bei der grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien ausgehebelt würden.

