Nach seinem überraschenden Rückzug als SPD-Generalsekretär hat sich Kevin Kühnert in einem Interview mit der Zeit so offen wie nie gezeigt. Kühnert erklärt, dass er in den letzten Jahren zunehmend das Gefühl hatte, nicht mehr sicher zu sein – sowohl im politischen Alltag als auch in der Freizeit.
In mehreren Situationen, etwa mit Neonazis, aufgebrachten Bauern oder Fußballfans, sah er sich offenem Hass und Bedrohungen ausgesetzt. „Meine rote Linie ist da, wo Gewalt in der Luft liegt. Ich bin nur 1,70 Meter groß“, sagte Kühnert in dem Gespräch.
Bedrohungen und das Gefühl der Vergeblichkeit
Der Druck und die Anfeindungen erreichten laut Kühnert auch private Momente. Selbst im Urlaub fühlte er sich nie wirklich sicher. „Irgendwann ist mir klar geworden: Wenn ich in Ruhe gelassen werden will, muss ich dahin, wo gar keine Menschen sind“, berichtet der frühere Spitzenpolitiker. In solchen Situationen habe ihn besonders die Gleichgültigkeit der Umstehenden erschüttert.
So schildert Kühnert eine Begegnung in einer Straßenbahn, bei der drei Männer offen darüber sprachen, ihn verprügeln zu wollen. Doch niemand habe eingegriffen. „Das Thema Wehrhaftigkeit macht mir Sorgen. In der vollbesetzten Bahn hat niemand etwas gesagt“, so Kühnert weiter.
Gewaltandrohungen auch in der Freizeit
Die Drohkulisse kam nicht nur aus rechtsextremen Kreisen. Kühnert berichtet auch von Vorfällen mit Corona-Leugnern oder aggressiven Bauern, die vor der SPD-Zentrale in Berlin mit selbstgebauten Galgen demonstrierten.
In seinem Rücktrittsschreiben an die Partei sprach er zunächst von gesundheitlichen Gründen. Erst jetzt macht er die wiederholten Bedrohungen und das Gefühl, dem Hass nicht mehr begegnen zu können, öffentlich. „Am Ende war da ein Gefühl von absoluter Vergeblichkeit“, beschreibt er seine Stimmung im Herbst 2024.
Privates Glück mit einem FDP-Partner
Offen gibt sich Kühnert auch, was sein Privatleben betrifft. Er spricht erstmals öffentlich darüber, dass er seit einigen Jahren mit einem Mann liiert ist, der ein Parteibuch der FDP besitzt. „Mit ihm spreche ich nicht nur über die Wochenendplanung, sondern auch über Politik. Über das Bürgergeld etwa oder die Aktienrente“, erzählt Kühnert.
Für ihn sei es wichtig, seinem Partner ein eigenständiges Leben abseits der Öffentlichkeit zu ermöglichen. „Mein Partner ist kein Beiwagen, der zur Präsentation mitkommt, sondern ein eigenständiger Mensch“, betont der 35-Jährige.
Umgang mit politisch Andersdenkenden
Die Beziehung habe ihm einen neuen Blick auf politische Diskussionen eröffnet, erklärt Kühnert. „Es braucht das ständige Bewusstsein, dass der politische Gegner auch recht haben könnte.“ Die Gesellschaft habe diese Fähigkeit vielfach verloren, mahnt er.
Auch in seinem Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg, wo er als offen homosexueller Abgeordneter tätig war, seien Angriffe aus verschiedenen Gruppen ein Problem gewesen. Trotzdem will er sich nicht aus taktischen Gründen zurückhalten: „Die, die meine Freiheit einschränken, haben kein Recht darauf. Und darüber werde ich nicht schweigen.“
Zukunft bleibt offen
Obwohl Kühnert eine Rückkehr in die Politik nicht ausschließt, sieht er derzeit seine Priorität bei der eigenen Gesundheit. „Die Energie, die für mein Amt und einen Wahlkampf nötig ist, brauche ich, um wieder gesund zu werden“, schrieb er an seine Partei.
Im Frühjahr will er eine längere Wanderung von Wien bis zum Bodensee unternehmen, danach will er entscheiden, wie es weitergeht. Am 25. April wird Kevin Kühnert zudem bei der ARD-Talkshow „3nach9“ zu Gast sein und über seine Erfahrungen der letzten Monate sprechen.

