Am 28. August 2025 jährt sich der Geburtstag von Karl Heinrich Ulrichs zum 200. Mal. Aus diesem Anlass erscheint der Sammelband „Invictus – Karl Heinrich Ulrichs zum 200. Geburtstag“, der das Leben und Werk dieses frühesten homosexuellen Emanzipators umfassend würdigt. Das Buch vereint Beiträge führender Wissenschaftler, Publizisten und Aktivisten, die Ulrichs’ Bedeutung aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.
Ulrichs (1825–1895) gilt als der erste, der offen für die Rechte homosexueller Menschen eintrat. Bereits in den 1860er-Jahren veröffentlichte er juristische, politische und anthropologische Schriften über gleichgeschlechtliches Begehren – in einer Zeit, in der Homosexualität unter Strafe stand. Mit der Einführung des Begriffs „Urning“ legte er die Grundlage für eine eigene Identitätsbezeichnung homosexueller Männer.
Historische und juristische Perspektiven
Der Berliner Historiker Jens Dobler, Experte für queere Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert, untersucht Ulrichs’ politischen Weg – insbesondere dessen mutigen Auftritt beim Deutschen Juristentag 1867. Dort forderte Ulrichs als Erster öffentlich die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Liebe. Dobler schreibt: „Sein Auftritt war nicht nur eine persönliche Heldentat, sondern ein Gründungsakt der homosexuellen Emanzipation in Europa.“
Der Soziologe Rüdiger Lautmann, emeritierter Professor der Universität Bremen, ordnet Ulrichs in die Frühgeschichte der Sexualwissenschaft und die Entwicklung der Queer Studies ein. In seinem Beitrag analysiert er, wie Ulrichs bereits im 19. Jahrhundert mit Konzepten wie Naturrecht und Menschenwürde argumentierte: „Er formulierte Gedanken, die weit ihrer Zeit voraus waren – und auch heute noch relevant sind.“
Essayistische, literarische und internationale Zugänge
Der Berliner Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Kevin Junk nähert sich Ulrichs literarisch. In seinem Essay verbindet er biografische Notizen mit Textanalysen und fragt, wie sich Ulrichs’ juristische Präzision mit seiner poetischen Sprache verbindet. Junk schreibt: „In seiner Leidenschaft für Gerechtigkeit liegt eine tiefgreifende Melancholie – Ulrichs war ebenso Träumer wie Streiter.“
Douglas Pretsell, Historiker an der University of Edinburgh, stellt Ulrichs in einen transnationalen Kontext. Er vergleicht Ulrichs’ Engagement mit parallelen Entwicklungen im viktorianischen Großbritannien, etwa im Umfeld von Oscar Wilde. Pretsell betont: „Während Wilde als tragischer Held ins kollektive Gedächtnis einging, blieb Ulrichs weitgehend unbeachtet – zu Unrecht.“
Kulturgeschichte und Sexualwissenschaft im Dialog
Axel Schock, Kulturjournalist und Mitautor des Standardwerks „Out! – 800 berühmte Lesben, Schwule und Bisexuelle“, beleuchtet die kulturelle Rezeption Ulrichs vom 19. Jahrhundert bis heute. Er untersucht, wie Ulrichs in Literatur, Film und queeren Bewegungen dargestellt wurde. „Lange Zeit blieb er eine Randfigur“, schreibt Schock. „Doch seine Rehabilitierung ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen.“
Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg betrachtet Ulrichs aus Sicht heutiger Geschlechterforschung. Er zeigt auf, wie Ulrichs’ biologische und anthropologische Ansätze – etwa seine Theorie des dritten Geschlechts – Anschluss an aktuelle queer-theoretische Debatten finden: „Ulrichs lieferte bereits damals Konzepte, die heutige Denkmodelle über Geschlecht und Sexualität vorausnehmen.“
„Invictus“ als wissenschaftlich fundiertes Erinnerungswerk
Mit über 300 Seiten, zahlreichen Originalzitaten und kommentierten Quellen bietet der Sammelband ein differenziertes Bild von Karl Heinrich Ulrichs. Der Titel „Invictus“ – lateinisch für „unbesiegt“ – verweist auf Ulrichs Beharrlichkeit, auch angesichts gesellschaftlicher Ächtung und staatlicher Verfolgung. Der Band ist in der Bibliothek Rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen.
Mit dem Ziel, Ulrichs nicht nur als historische Figur, sondern als bleibenden Impulsgeber für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit zu würdigen, schlagen die Herausgeber eine Brücke zwischen Geschichte, Wissenschaft und Gegenwart. Das Buch richtet sich sowohl an Forschende als auch an ein breites kulturinteressiertes Publikum.


