In „Am Busen der Natur“ (Originaltitel: „Significant Others“) kehrt Armistead Maupin zurück an die fiktive Barbary Lane – jenen Ort, an dem sich bereits in den vorangegangenen Bänden eine bunte Wohngemeinschaft voller Exzentriker und Träumer zusammengefunden hat. Diesmal jedoch weitet Maupin seine Erzählung deutlich aus und verlagert einen Teil der Handlung in ein exklusives Wellness-Retreat in der kalifornischen Natur.
Die Geschichte spielt im Sommer 1985 und verknüpft erneut die Leben der bekannten Figuren: Michael „Mouse“ Tolliver, inzwischen HIV-positiv, steht im Zentrum. Doch auch Anna Madrigal, Brian Hawkins und Mary Ann Singleton kehren zurück. Maupin verknüpft ihre persönlichen Entwicklungen mit den politischen Umwälzungen jener Zeit – AIDS-Krise, Feminismus, Homophobie und Männerbünde bilden den Hintergrund der Episoden.
Gesellschaftskritik im Bademantel
Das Wellness-Resort „The Bohemian Grove“ dient Maupin nicht nur als Bühne für Situationskomik, sondern auch als Spiegelbild patriarchaler Machtstrukturen. In einer Mischung aus Satire und sanfter Melancholie lässt er seine Figuren auf die Absurditäten männlicher Machteliten treffen. Auf der anderen Seite steht „Connivance“ – ein rein weibliches Retreat, das radikal-feministische Utopien verkörpert.
Die Konfrontation dieser beiden Welten bietet reichlich Stoff für Humor und Kritik. Maupin nutzt dabei, wie The Guardian schreibt, „seine einzigartige Mischung aus Witz, Mitgefühl und sozialem Kommentar, um die tiefen Gräben der amerikanischen Identität zu erkunden“. Auch die New York Times lobt die Balance zwischen „emotionaler Tiefe und unbeschwerter Absurdität“.
Zwischen Schmerz und Hoffnung
Maupin gelingt es, die existenzielle Bedrohung durch HIV in den Alltag seiner Figuren zu integrieren, ohne den Ton ins Tragische kippen zu lassen. Stattdessen betont er Solidarität, Freundschaft und Lebensfreude. In einem Interview mit The Advocate sagte Maupin rückblickend: „Ich wollte zeigen, dass unser Leben mit der Diagnose nicht vorbei war. Es gab Liebe, Lachen und Sex – sogar mit dem Tod vor Augen.“
Diese Haltung durchzieht das ganze Buch: Die Krankheit ist da, unausweichlich, aber nicht allesbestimmend. Die Menschen in Maupins Welt sind verletzlich – und genau das macht sie stark.
Sprachwitz und Figurenzeichnung
Auch stilistisch bleibt Maupin seiner Linie treu. Er schreibt knapp, dialogreich und pointiert. Jeder Satz sitzt, jeder Dialog trägt. Die Übersetzung ins Deutsche gelingt größtenteils stilsicher – auch wenn einige Wortspiele und Anspielungen auf US-Kultur verständlicherweise etwas verloren gehen.
Die Figuren entwickeln sich weiter, ohne ihre Authentizität zu verlieren. Gerade die leisen Veränderungen – ein gefestigter Michael, eine nachdenklichere Mary Ann – machen die Fortsetzung besonders lebendig. Neue Figuren, wie die ehrgeizige Unternehmerin Wren Douglas, erweitern das Spektrum ohne aufgesetzt zu wirken.
Zwischenmenschliches als politische Aussage
Maupin bleibt seinem Prinzip treu: Das Private ist politisch. Er erzählt nicht in großen Thesen, sondern in kleinen Momenten. Ein Streit, ein Kuss, ein Missverständnis – all das offenbart die tieferen Konflikte der Gesellschaft. Die Stärke des Buches liegt genau darin: Maupin urteilt nicht, er beobachtet.
Mit „Am Busen der Natur“ zeigt er erneut, dass Unterhaltung und Haltung kein Widerspruch sind. Die „Stadtgeschichten“ sind auch im fünften Band mehr als eine Fortsetzung – sie sind ein Zeitdokument voller Wärme, Ironie und Menschlichkeit.


