Stormé DeLarverie wurde offiziell am 24. Dezember 1920 in New Orleans geboren, als Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines weißen Vaters. Da Mischehen zu dieser Zeit in Louisiana illegal waren, erhielt sie nie eine Geburtsurkunde und kannte daher ihren genauen Geburtstag nicht, weshalb sie sich entschied, diesen an Heiligabend zu feiern.
Als multi-ethnisches Kind sah sich DeLarverie in ihrer Kindheit massiven Anfeindungen sowohl weißer als auch afroamerikanischer Gleichaltriger ausgesetzt. Die Gewalt war so extrem, dass sie nach einer Prügelei eine Beinschiene tragen musste und bei einem anderen Vorfall an einem Zaunpfahl aufgehängt wurde, was eine lebenslange Narbe hinterließ. Aus Sicherheitsgründen schickte ihr Vater sie schließlich für einige Jahre auf eine Privatschule.
Im Alter von 18 Jahren erkannte sie ihre Homosexualität und zog nach Chicago. Dort arbeitete sie als Leibwächterin für die Mafia und begann mit ihrer glatten Bariton-Stimme in Bands zu singen.
Die Jewel Box Revue: Pionierin der integrierten Drag-Szene
Von 1955 bis 1969 schrieb Stormé DeLarverie zum ersten Mal Geschichte: Sie tourte DeLarverie mit der Jewel Box Revue durch die USA und Kanada, der ersten multi-ethnischen Drag-Revue Nordamerikas. Als Zeremonienmeisterin war sie der einzige Drag King in einer Gruppe von 25 Drag Queens. Die Show wurde als „25 Männer und ein Mädchen“ beworben, wobei das Publikum raten sollte, wer die „echte Frau“ in der Truppe war.
DeLarverie „outete“ sich in einer Nummer namens „A Surprise with a Song“, in der sie mit ihrer kräftigen Bariton-Stimme spielte, die meist als Männerstimme gedeutet wurde. Die Revue war während der Zeit der Rassentrennung in den USA revolutionär, da schwarze und weiße Künstler gemeinsam auftraten. Sie performte regelmäßig im Apollo Theater in Harlem sowie in der Radio City Music Hall.
Ihre einzigartige Drag-Performance und ihr subversiver Auftritt wurden gefeiert und einflussreich, da sie zu einer Zeit auftrat, als es sehr wenige Drag Kings gab. Ihr androgyner Kleidungsstil außerhalb der Bühne verbreitete sich in New York City und gilt als eines der ersten Beispiele für die wachsende Beliebtheit geschlechtsneutraler Kleidung in den USA.
Sie beendete sie ihre Karriere bei der Jewel Box Revue kurz nach dem Tod ihrer langjährigen Partnerin Diana, einer Tänzerin, mit der sie 25 Jahre zusammengelebt hatte.
Stonewall: Der Funke der Rebellion
Am 28. Juni 1969 ereignete sich das Ereignis, das Stormé DeLarverie zur Legende machte. Während einer Polizeirazzia im Stonewall Inn in Greenwich Village kam es zu einem Handgemenge, als DeLarverie grob vom Eingang der Bar zu einem wartenden Polizeiwagen eskortiert wurde. Sie kämpfte etwa zehn Minuten lang mit mindestens vier Polizeibeamten, fluchte und schrie dabei.
Laut Augenzeugenberichten wurde sie von einem Beamten mit einem Schlagstock am Kopf getroffen, nachdem sie sich darüber beschwert hatte, dass ihre Handschellen zu eng waren. Aus einer Kopfwunde blutend wehrte sie sich weiter. Der entscheidende Moment kam, als sie zur Menge rief: „Warum tut ihr nichts?” Laut einem Bericht packte ein Beamter sie daraufhin und schleuderte sie in den Wagen, woraufhin die Menge ausrastete und die Situation eskalierte.
DeLarverie selbst bestand darauf, dass es sich nicht um einen „Aufruhr“, sondern um „eine Rebellion, einen Aufstand, zivilen Ungehorsam“ handelte – „es war kein verdammter Aufruhr“. Ob sie tatsächlich den ersten Schlag austeilte, bleibt umstritten, unbestritten ist jedoch, dass sie zu jenen Butch-Lesben gehörte, die sich gegen die Polizei wehrten.
Die Beschützerin des Village
Nach den Stonewall-Unruhen wurde DeLarverie Mitglied der Stonewall Veterans Association und bekleidete verschiedene Ämter, darunter Sicherheitschefin, Botschafterin und von 1998 bis 2000 Vizepräsidentin.
In den 1970er Jahren zog sie ins Chelsea Hotel in Manhattan, wo sie jahrzehntelang lebte. Sie arbeitete als Türsteherin in verschiedenen Lesben-Bars, darunter dem Cubby Hole und später Henrietta Hudson. Mehr als nur eine Türsteherin betrachtete sie die Bargäste als ihre „Babys“ und patrouillierte die Straßen als ihre Beschützerin.
DeLarverie nannte sich selbst die „Wächterin der Lesben im Village“. Bewaffnet – sie besaß einen Waffenschein – patrouillierte sie bis in ihre 80er Jahre die Straßen von Greenwich Village und suchte nach dem, was sie „Hässlichkeit“ nannte: jede Form von Intoleranz, Mobbing oder Missbrauch ihrer „kleinen Mädchen“. In einem Interview von 2002 sagte sie: „Du machst keine Hässlichkeit um mich herum. Versuch es einfach nicht. Du könntest mit deinem Hintern auf dem Boden landen“.
Sie wählte, ihr Leben als schwarzer Mann zu leben
DeLarveries Geschlechtsidentität war komplex und vielschichtig. In der Dokumentation „Stormé: The Lady of the Jewel Box“ von 1987 erklärte die Regisseurin Michele Zalopany, dass Stormé sich nicht als etwas Bestimmtes identifizierte, sondern „wählte, ihr Leben als schwarzer Mann zu leben“. Als sie gebeten wurde, sich selbst zu identifizieren, bat DeLarverie darum, einfach „als ich“ bekannt zu sein. Auf die Frage nach ihren bevorzugten Pronomen soll sie geantwortet haben: „Was auch immer dich am wohlsten fühlen lässt“.
Ihre langjährige Freundin Lisa Cannistraci ist der Meinung, dass DeLarverie nicht-binär war. Heute könnte sie als genderqueer oder non-binär identifiziert werden. Mit ihrer theatralischen Erfahrung in Kostümierung, Performance und Make-up konnte DeLarverie sowohl als Mann oder als Frau, als Schwarz oder Weiß auftreten. Ihr androgyner Stil inspirierte andere Lesben dazu, traditionell „männliche“ Kleidung als Straßenkleidung zu übernehmen.
Die Rosa Parks der queeren Community
DeLarveries Einfluss auf die LGBTI-Community und die Gesellschaft insgesamt war tiefgreifend. Sie wird oft als „die Rosa Parks der queeren Community“ bezeichnet, eine Anerkennung ihrer Rolle als Pionierin im Kampf um LGBTI-Rechte. Ihre Arbeit mit der Jewel Box Revue war wegweisend für die amerikanische Drag-Szene und setzte einen historischen Präzedenzfall.
Joan Nestle betonte in der Dokumentation über DeLarverie ihren Einfluss: „Entertainer wie Stormé forderten uns heraus, Grenzen zu überschreiten. Sie taten es für uns in ihren Darbietungen, aber sie brachten unsere Vorstellungskraft dazu, das Potenzial zu erkunden, das Geschlecht zu verlassen oder mit dem Geschlecht zu spielen“.
Wichtige Erfolge ihres Kampfes konnte sie noch miterleben
In ihren späteren Jahren litt DeLarverie unter Demenz, konnte aber dennoch wichtige Meilensteine wie die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Staat New York und die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zur Aufhebung von Teilen des Defense of Marriage Act würdigen.
Stormé DeLarverie starb am 24. Mai 2014 an den Folgen eines Herzinfarkts in einem Pflegeheim in Brooklyn. Sie wurde 93 Jahre alt. Ihre Freundin und rechtliche Vormundin Lisa Cannistraci bestätigte ihren Tod.
Stormé DeLarveries Vermächtnis lebt bis heute weiter
DeLarveries Vermächtnis lebt weiter. Im Jahr 2019 wurde sie als eine der 50 „Pioniere, Wegbereiter und Helden“ in die National LGBTQ Wall of Honor des Stonewall National Monument aufgenommen. Ihre Unterlagen werden im Schomburg Center for Research in Black Culture der New York Public Library aufbewahrt.
Ihre Bedeutung für die heutige Community liegt nicht nur in ihrer historischen Rolle bei Stonewall, sondern auch in ihrem lebenslangen Engagement für den Schutz marginalisierter Mitglieder der LGBTI-Community. Als eine der ersten offen lebenden Butch-Lesben, die Geschlechtergrenzen herausforderte, ebnete sie den Weg für heutige genderqueere und non-binäre Identitäten.
„Jemand muss sich kümmern“
Peter Frank vom Bronx LGBTQ Community Services Center nannte DeLarverie „eine wilde Frau, die bei unzähligen Gelegenheiten für unsere Community einstand“. Ihr Motto „Jemand muss sich kümmern“ bleibt ein inspirierender Aufruf für heutige Aktivisten.
DeLarveries Leben und Werk verkörpern die Intersektionalität von Ethnie, Geschlecht und Sexualität und zeigen, wie eine Person durch Mut, Entschlossenheit und unerschütterliches Engagement für Gerechtigkeit eine ganze Bewegung prägen kann.
Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass jene LGBTI-Rechte, die wir heute genießen, auf den Schultern von Pionier:innen wie Stormé DeLarverie stehen, die bereit waren, für Veränderungen zu kämpfen, auch wenn es persönliche Opfer bedeutete.

