Nach Jahren des Erfolgs hat sich Felix Jaehn, bekannt durch Hits wie „Cheerleader“, mit seiner persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit gewandt. In einem ausführlichen Interview mit dem Spiegel spricht der 30-Jährige über den Umgang mit seiner nichtbinären Identität, den Rückzug aus dem Rampenlicht und seine Erfahrungen mit psychischer Gesundheit.
Rückzug nach Coming-Out: Klinik statt Bühne
Im Sommer 2024, kurz nach Auftritten auf dem Tomorrowland- und dem Open Beatz Festival, wies sich Jaehn selbst in eine psychiatrische Klinik ein. „Ich musste wieder aufs Leben klarkommen, mich finden, umkrempeln, sortieren“, so Jaehn.
Der DJ-Star berichtet von zwei Klinikaufenthalten, intensiver Therapie, Reha und einem disziplinierten Lebensstil, der ihm geholfen habe, stabil zu bleiben. Alkohol und Drogen meidet er inzwischen ebenso wie Reizüberflutung durch soziale Medien.
Zweifel an der Akzeptanz queerer Identitäten in der Psychiatrie
Besonders belastend empfand Jaehn, dass nicht alle psychiatrischen Einrichtungen auf queere Themen vorbereitet seien. „Es ist schlimm, wenn man in einer Notlage Hilfe sucht und erst mal seine Identität abgesprochen bekommt“, sagte Jaehn dem Nachrichtenmagazin. Den ersten Klinikaufenthalt habe er abgebrochen, da das Personal nicht ausreichend geschult gewesen sei. In einer zweiten Klinik habe er mehr Verständnis und Unterstützung erfahren.
Der Musiker berichtete auch von einem Übergriff, bei dem er wegen seines androgynen Aussehens beleidigt und geschlagen wurde. „Jemand nannte mich ‘scheiß Schwuchtel’ und schlug auf mich ein“, so Jaehn. Am Tag darauf habe er sich ein Smiley-Tattoo auf den Mittelfinger stechen lassen – als ironisches Statement gegen Hass.
Zwischen Bühnenlicht und Selbstfindung
Jaehn lebt seit 2024 offen als nichtbinäre und pansexuelle Person und verwendet seitdem bevorzugt den Vornamen Fee im privaten Bereich. Auf der Bühne bleibt er bei seinem Künstlernamen. Seine geschlechtliche Identität beschreibt er als fließend. „Ich verstehe non-binär als vollwertiges Geschlecht, aber eigentlich sehe ich Geschlecht als Spektrum“, erklärt Jaehn.
Besonders prägend war für ihn ein Erlebnis in Mexiko-Stadt: „Ich probierte eine Schlaghose an, und es war, als schlüpfte ich in meine zweite Haut.“ Diese Erfahrung sei ein Wendepunkt gewesen, der ihn darin bestärkte, sich öffentlich zu seiner Identität zu bekennen. Er begann, sich auch in der Drag-Szene auszuprobieren.
Kritik an Queerfeindlichkeit innerhalb der LGBTQ+-Community
Neben persönlichen Erfahrungen thematisiert Jaehn auch interne Spannungen innerhalb der queeren Community. Besonders enttäuschend findet er, dass auch dort Diskriminierung vorkomme. „Es gibt schwule Cis-Männer, die gegen trans Personen und nichtbinäre Menschen hetzen und sagen: Wegen euch kriegt die Community wieder mehr Hate ab.“ Diese Haltung empfindet Jaehn als besonders verletzend.
Er fordert mehr Bildung und Repräsentation queerer Lebensrealitäten, insbesondere in Medien, Politik und Kultur. Auch „Safe Spaces“, also sichere Rückzugsorte für queere Menschen, seien essenziell. In queeren Klubs und Veranstaltungen habe er erstmals das Gefühl gehabt, nicht allein zu sein.
Musikalische Zukunft und neue Rollen
Nach seiner Auszeit tritt Jaehn wieder vorsichtig in die Öffentlichkeit. Er war unter anderem Teil des Rainbow Festivals in Köln. Für den Sommer hat er nur wenige Auftritte geplant – eine bewusste Entscheidung für die eigene Gesundheit. Gleichzeitig denkt er über eine neue künstlerische Richtung nach. Ein Drag-Projekt sei angedacht, könnte aber noch dauern. „Ich will lernen, mich zu schminken und meinen eigenen Charakter herauszuarbeiten“, sagt Jaehn.
Ob als DJ auf großen Bühnen oder künftig auch als Drag-Künstlerin – Felix Jaehn will sichtbar bleiben. Sichtbarkeit sei entscheidend, sagt er: „Wenn ich mich zurückziehe, gibt das dem Hass recht. Ich will zeigen: Ich gehöre auch dazu.“

