HomeMagazinFilmtippZwischen Tanz und Überleben: Solidarität ohne Illusion

Zwischen Tanz und Überleben: Solidarität ohne Illusion

Gianpiero Pumos Langfilmdebüt ist eine präzise Beobachtung zweier Menschen, die in unterschiedlichen Rollen am Rand der Gesellschaft stehen – und in einer kurzen, intensiven Begegnung voneinander lernen, ohne sich gegenseitig zu retten.

Im Zentrum des Films steht Salvo, ein junger Vater, der in einem vergessenen Vorort von Palermo um das Sorgerecht für seinen Sohn kämpft. Die Mutter des Kindes ist heroinabhängig, Salvos familiäre Bindungen sind brüchig. 

Ohne Job, ohne Perspektive, lässt er sich auf gefährliche Botengänge für seinen kriminellen Schwager ein. Als einer dieser Jobs schiefläuft und Salvo brutal zusammengeschlagen wird, nimmt ihn Ciurè bei sich auf – eine trans Frau, Tänzerin in einem queeren Nachtclub, die mit Salvo auf den ersten Blick nichts verbindet.

Die Begegnung zweier Marginalisierter

Ciurè lebt allein, arbeitet nachts, bleibt wachsam. Ihre Wohnung ist kein sicherer Ort im klassischen Sinn, aber für Salvo der erste Raum, in dem keine Forderungen gestellt werden.

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Was Ciurè anbietet, ist kein Mitleid – sondern eine klare, nüchterne Hilfe: Unterkunft, Zeit, und ein Vorschlag, der Salvo zunächst überfordert. Sie schlägt ihm vor, gemeinsam mit ihr auf der Bühne zu tanzen. Es ist keine Einladung zum Neuanfang, sondern ein Angebot zur Zusammenarbeit unter prekären Bedingungen.

Pumo zeigt diese Begegnung ohne Pathos. Kein gegenseitiges Umerziehen, keine romantische Entwicklung, kein moralisches Übergewicht. Beide Figuren behalten ihre Haltung, ihre Widersprüche, ihre Verteidigungsmechanismen. Gerade das verleiht ihrer Beziehung Glaubwürdigkeit und emotionale Spannung.

Ciurè als Figur jenseits von Klischees

Ciurè ist das Zentrum des Films – als jemand, der Haltung bewahrt, wo andere längst abgestumpft sind. Ihre Identität wird nicht erklärt, nicht ausgestellt, nicht psychologisiert. Sie lebt, arbeitet, schützt ihre Grenzen.

In der vielleicht stärksten Szene des Films stehen Salvo und Ciurè im Proberaum des Clubs. Er, körperlich erschöpft, innerlich blockiert. Sie, geduldig, aber bestimmt. Sie tanzt nicht für ihn, sondern für sich – und zeigt ihm damit, was es heißt, sich zu behaupten, ohne sich zu verleugnen.

Die Kamera bleibt in diesen Momenten still, beobachtend. Es gibt keine erklärenden Monologe, keine Hintergrundgeschichten im Off. Pumo interessiert sich nicht für die Herkunft seiner Figuren, sondern für das, was sie im Moment füreinander bedeuten können.

Stilistisch zurückhaltend, inhaltlich präzise

Visuell bleibt „Ciurè“ nüchtern. Die Straßen Palermos sind leer, staubig, perspektivlos. Der Nachtclub ist eng, überbeleuchtet, ohne Glanz. Beides sind Orte, die auf Dauer keine Heimat bieten. Doch zwischen diesen Welten bewegt sich der Film sicher, ohne sie gegeneinander auszuspielen.

Die Musik ist zurückhaltend eingesetzt, ebenso der Schnitt. „Ciurè“ lebt von Momenten, nicht von dramatischer Zuspitzung. Pumo vertraut auf Blicke, auf das Schweigen zwischen den Figuren, auf die physische Präsenz seiner Darsteller:innen.

Keine Erlösung, aber ein Moment der Anerkennung

„Ciurè“ erzählt keine Erfolgsgeschichte. Es gibt kein Entkommen aus der Armut, keine politische Botschaft, keine moralische Auflösung. Was der Film bietet, ist ein kurzer Moment der Anerkennung: Zwei Menschen sehen sich, ohne den anderen verändern zu wollen.

Gerade durch diese Verweigerung von Erlösungsnarrativen wird „Ciurè“ politisch – leise, aber bestimmt. Der Film zeigt, dass Solidarität möglich ist, auch unter prekären Bedingungen. Nicht als große Geste, sondern als pragmatische Entscheidung.

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CiurePlakat Cinemien
Ciurè
Italien 2022 | Drama | 102 Minuten
Regie: Gianpiero Pumo | Besetzung: Lucio Calabrese Falcone, Marilù Pipitone, Maurizio Bologna, Vivian Bellina

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