[publishpress_authors_box layout="ppma_boxes_75184"]
HomeMagazinBuchtippQueeres Begehren, soziale Kontrolle und der geplatzte Traum von Freiheit

Queeres Begehren, soziale Kontrolle und der geplatzte Traum von Freiheit

In „Cinema Love“ erzählt Jiaming Tang eine vielschichtige Geschichte über heimliche schwule Liebe, Frauen als Komplizinnen wider Willen und die desillusionierende Realität migrantischen Lebens.

Fuzhou ist eine Provinzstadt im postsozialistischen China. In einem heruntergekommenen Kino laufen seit Jahren nur noch alte Kriegsfilme. Die Vorstellungen sind fast leer – zumindest offiziell. In Wahrheit hat sich das Kino in einen inoffiziellen Treffpunkt für schwule Männer verwandelt, die sich im Schutz der Dunkelheit begegnen, berühren und lieben. Einer von ihnen ist Shun-er, der zwar verheiratet ist, aber regelmäßig vor Ort erscheint.

Bao Mei, die Kinokassiererin, weiß, was im Saal passiert. Sie schaut weg – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Sympathie. Die Männer bringen Geld mit, aber noch wichtiger ist, dass sie ihr ihre Geschichten erzählen, Rat suchen und sich trösten lassen. Bao Mei hört zu und schützt ihre Gäste, auch weil ihr eigener Lebensentwurf längst außerhalb gesellschaftlicher Normen liegt. Ihre stille Nähe zu Old Second, dem Filmvorführer, ist von Loyalität, Vertrautheit und einem unausgesprochenen Pakt geprägt. Er liebt Männer, besonders Shun-er. Sie liebt vielleicht ihn.

Das fragile Gleichgewicht zerbricht

Dieses System bleibt jahrelang stabil. Jeder kennt seinen Platz und weiß, welches Risiko er eingeht. Doch dann kommt Shuns Ehefrau hinter die Wahrheit. In einem Moment der Wut und Verzweiflung trifft sie eine Entscheidung, die alles verändert. Das Biotop des Kinos bricht zusammen, die Deckung fliegt auf.

- Werbung -

Old Second und Bao Mei haben keine Wahl: Sie fliehen. Ihre Reise führt sie nach Amerika, wo sie einen letzten Versuch starten wollen, irgendwo ein neues Leben zu beginnen. Old Second glaubt, dass in New York endlich die Freiheit auf ihn wartet, die er sich immer ersehnt hat. Doch was sie dort finden, ist Armut, Sprachlosigkeit und soziale Unsichtbarkeit. Der „American Dream“ bleibt für sie genau das: ein Traum.

Mehrstimmig und leise – ein Roman ohne einfache Helden

„Cinema Love“ lebt von seinem ruhigen Ton, unter dem es jedoch brodelt. Tang erzählt multiperspektivisch und mit großer Empathie. Es geht nicht nur um die queeren Männer, sondern auch um die Frauen, die mit ihnen leben, sie decken, sie (mit)lieben oder sie verraten. Niemand bleibt eindimensional. Tang nimmt sich die Zeit, die Figuren in all ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen.

Die Ehefrauen, insbesondere Bao Mei, sind dabei keine bloßen Opfer patriarchaler Strukturen. Sie agieren, entscheiden und schützen. Wie Bao Mei als stille Komplizin der schwulen Community agiert, gehört zu den eindrücklichsten Motiven des Romans. Damit durchbricht Tang klassische Narrative und zeigt, wie queere Existenzen in autoritären Gesellschaften oft nur über solidarische Netzwerke überleben können – und wie fragil diese sind.

Queeres Begehren unter Beobachtung

Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie queeres Begehren in China nicht nur unterdrückt, sondern systematisch unsichtbar gemacht wird. In einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Electric Literature erklärt Tang: „In China ist Homosexualität nicht illegal, aber sie ist stark stigmatisiert. Das interessiert mich – dieser Zwischenraum, in dem Menschen in Stille, in codierter Sprache, an Orten wie einem Kino überleben.“

Diese Zwischenräume, diese Grauzonen des Überlebens, sind das Herzstück des Romans. Der Kinosaal wird dabei zum Symbol: öffentlich und intim, flüchtig und voller Intensität. Ein Ort, an dem Realität und Projektion ineinanderfallen – ganz wie im Leben der Figuren.

Ein geplatzter Traum in New York

In der zweiten Hälfte des Romans wechselt der Schauplatz von China in die USA. Wer jedoch auf eine klassische „Ankunftsgeschichte“ hofft, wird enttäuscht. Die Migration bringt keine Erlösung. Old Second und Bao Mei leben auch nach Jahrzehnten in prekären Verhältnissen und ihre Vergangenheit bleibt ein Schatten, der nie ganz verschwindet.

Die Art und Weise, wie Tang diese Desillusionierung beschreibt, ist von großer literarischer Qualität. In einem Gespräch mit dem Guernica Magazine sagte der Autor: „Die Idee, dass Amerika per se Befreiung bringt, ist ein Mythos, insbesondere für Einwanderer. Ich wollte zeigen, dass Queerness, wie Migration, nicht außerhalb von Macht existiert, sondern von ihr geprägt wird.“

Diese Einsicht zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman: Es gibt kein „Außen“, keine Flucht ins Freie. Weder die Sexualität noch das neue Land garantieren Erlösung, aber sie bieten möglicherweise einen Raum, in dem neue Formen des Miteinanders entstehen können.

Fazit: Ein starkes literarisches Debüt mit politischer Tiefe

Mit „Cinema Love“ legt Jiaming Tang einen feinfühligen und eindringlichen Roman vor, der queere Erfahrungen in China und in der Diaspora aufzeigt, ohne dabei Klischees zu bedienen. Das Buch ist eine Liebesgeschichte, eine Tragödie und eine Migrationserzählung in einem.

Mit seinen vielschichtigen Figuren und seiner ruhigen, bildhaften Sprache schafft Tang ein literarisches Werk, das nachhallt – lange nachdem die letzte Seite gelesen wurde.

Buchtipp
CinemaLoveCover
Jiaming Tang
Cinema Love
Roman | 304 Seiten | Klett-Cotta
Jetzt bestellen:
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Damit kannst du GGG.at unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis für Dich erhöht sich dadurch nicht.

Aktuelle Empfehlungen