Bereits kurz vor sechs Uhr rückten Beamte einer Einsatzhundertschaft der Berliner Polizei in voller Montur nach Marzahn aus. Wie die Berliner Morgenpost berichtet, drangen die Einsatzkräfte mit einer Ramme in ein Gebäude an der Max-Herrmann-Straße ein. In dem Gebäude soll sich laut Informationen der Zeitung eine Wohngemeinschaft der Neonazi-Gruppe „Deutsche Jugend Voran“ befinden.
Die Staatsanwaltschaft Berlin bestätigte den Einsatz gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) und erklärte knapp, es seien „Durchsuchungsbeschlüsse im Auftrag der Staatsanwaltschaft in Berlin-Marzahn vollstreckt“ worden. Details zu möglichen Festnahmen oder beschlagnahmten Gegenständen nannte sie mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht.
CSD-Veranstaltungen gezielt attackiert
Die Organisation „Deutsche Jugend Voran“ geriet immer wieder ins Visier der Sicherheitsbehörden, da sie gezielt Veranstaltungen der LSBTI*-Community störte und angriff. Besonders Christopher-Street-Day-Demonstrationen (CSD) rückten dabei regelmäßig ins Visier der Neonazis.
So meldete ihr Anführer Julian M. beispielsweise in Leipzig und Bautzen wiederholt Demonstrationen an, die bewusst zeitgleich mit CSD-Veranstaltungen stattfanden. In Bautzen zeigten die Mitglieder der „Deutschen Jugend Voran“ zuletzt eine „große Drohkulisse“, wie die Berliner Morgenpost berichtete.
Zuletzt hatte die Gruppe Stimmung gegen die Marzahn Pride gemacht
Die Gruppierung hatte zuletzt im Juni bei der Marzahner Pride zu einer Gegenkundgebung mobilisiert. Die Veranstalter queerer Events sprechen inzwischen von einer zunehmenden Bedrohungslage und reagieren mit gezielten Schutzkonzepten.
Für den kommenden Samstag, an dem in Berlin eine der größten CSD-Demos in Deutschland stattfindet, kündigte die rechte Gruppierung bereits eine eigene Demonstration direkt hinter dem offiziellen Zug an. Die aktuelle Razzia könnte auch präventiv dazu dienen, weitere Eskalationen zu verhindern.
Julian M. wegen Gewalttat verurteilt
Bereits im September 2024 sorgte ein Vorfall in Marzahn für Schlagzeilen. Julian M., den die Behörden als Kopf der Gruppierung betrachten, und andere Neonazis bemerkten damals einen Mann, der ein T-Shirt mit Antifa-Aufdruck trug. Sie umstellten ihn, schlugen ihn und zwangen ihn, das T-Shirt auszuziehen. Anschließend präsentierte die Neonazi-Gruppe das Kleidungsstück wie eine Trophäe in den sozialen Medien.
Nach diesem brutalen Übergriff fanden schon Ende 2024 Durchsuchungen statt. Julian M. wurde damals verhaftet und später vom Gericht zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt. Die Vorwürfe lauteten auf gefährliche Körperverletzung, Bedrohung und Nötigung. Allerdings wurde das Urteil bislang noch nicht vollstreckt – Julian M. ist weiterhin auf freiem Fuß und nimmt regelmäßig öffentlichkeitswirksam an rechtsextremen Demonstrationen teil.
Social-Media-Plattformen wirken als „Brandbeschleuniger“
Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), zeigte sich alarmiert über die Aktivitäten der Neonazi-Gruppierung „Deutsche Jugend Voran“ und betonte gegenüber Medienvertretern, es handele sich um ein „unsägliches Sammelsurium an Menschenfeinden“, das mit „allen Mitteln des Rechtsstaates“ bekämpft werden müsse.
Zugleich warnte Jendro vor einer gefährlichen Entwicklung im Netz. Er sagte: „Rechtsextreme Jugendorganisationen rekrutieren mithilfe des Internets seit einigen Jahren wieder verstärkt Anhänger.“ Besonders Social-Media-Plattformen wirkten dabei wie ein „Brandbeschleuniger“.
Polizei-Gewerkschafter fordert mehr Engagement bei Prävention
Deshalb forderte er mehr Engagement bei Prävention und Jugendschutz. Es brauche „dringend mehr Präventionsarbeit an Schulen, attraktive Angebote für Jugendliche und verantwortungsvolle Social-Media-Betreiber, die rechtsextreme Inhalte konsequent herausfiltern“.
Die aktuellen Durchsuchungen in Marzahn dauern an. Über Ergebnisse und mögliche weitere Ermittlungen wollen Polizei und Staatsanwaltschaft zeitnah informieren.

