In Berlin fand am Samstag der Christopher Street Day (CSD) statt – und das so groß wie lange nicht mehr. Laut Veranstalter:innen und Polizei versammelten sich mehrere hunderttausend Menschen bei trübem, aber mildem Wetter, um für die Rechte queerer Menschen zu demonstrieren. Der Demonstrationszug mit über 80 Trucks und mehr als 100 Gruppen startete am Leipziger Platz und führte unter anderem über den Potsdamer Platz bis zum Brandenburger Tor.
Bereits um 11:30 Uhr begann die Eröffnung. Eine Stunde später setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Zuvor fand ein stilles Gedenken am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen statt. Mit dabei: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der anschließend Arm in Arm mit Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) an der Demo teilnahm.
Politische Reden und klare Botschaften gegen Diskriminierung
Bei der Eröffnung des CSD traten prominente Politiker:innen auf. Bundestagsvizepräsidentin Josephine Ortleb (SPD) warnte: „Gleichberechtigung ist kein Selbstläufer. Wir dürfen nicht zulassen, dass queere Menschen erneut Ziel rechter Hetze werden.“ Ihr Amtskollege Omid Nouripour (Grüne) betonte: „CSDs sind gelebte Demokratie.“
Auf Plakaten und Bannern zeigten viele Demonstrierende ihre Reaktion auf die Entscheidung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), keine Regenbogenflagge am Bundestag zu hissen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte dies mit den Worten verteidigt: „Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt.“ Die Bemerkung inspirierte zahlreiche kreative Botschaften wie „Genau mein Zirkus“ oder „Manege frei für Demokratie, Vielfalt und Liebe“. Nouripour eröffnete seine Rede mit einem spitzen „Hallo, Zirkus!“, was für viel Applaus sorgte.
CSD als Ort der Sichtbarkeit und Solidarität
Mit dem Motto „Nie wieder still!“ setzte der Berliner CSD ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung. Auf dem Weg durch die Stadt gab es zahlreiche Redebeiträge, unter anderem von Vertreter:innen des Budapest Pride und des „Stonewall Inn“ aus New York. Insgesamt traten mehr als 200 Personen mit Statements auf.
Am Abend versammelten sich Tausende zur Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Höhepunkt war die Verleihung des „Soul of Stonewall Awards“ an die Kampagne „Nie wieder leise“ von „Woman Life Freedom“. Musikalische Highlights lieferten Monrose mit einem Reunion-Auftritt sowie der größte FLINTA-Chor Deutschlands, die D-Dur Dykes.
Polizeieinsätze und Festnahmen bei Gegendemonstrationen
Die Großdemo verlief nach Angaben der Polizei überwiegend friedlich. Insgesamt waren rund 1.300 Polizeikräfte, 1.000 private Sicherheitsleute und 280 Sanitäter:innen im Einsatz. Dennoch kam es zu einzelnen Angriffen: Ein Mann wurde geschlagen, als er eine Israel-Fahne mit Regenbogen-Davidstern zeigte. Auch zwei CDU-Mitglieder sollen angegriffen und bespuckt worden sein.
Am Rande gab es jedoch größere Auseinandersetzungen: In Kreuzberg fand die „Internationalist Queer Pride for Liberation“ mit etwa 10.000 Teilnehmenden statt. Die Polizei löste die Demonstration am Abend wegen Flaschenwürfen und antisemitischer Parolen auf. Laut Polizei wurden dabei 57 Personen festgenommen, 17 Beamte verletzt. Ermittlungen laufen wegen des Verdachts auf Verstöße gegen mehrere Gesetze, darunter das Versammlungs- und das Betäubungsmittelgesetz.
Rechte Proteste mit geringer Beteiligung und hoher Polizeipräsenz
Auch rechtsextreme Gruppen riefen zu Protesten gegen den CSD auf. Zwei Demonstrationen unter dem Motto „Gegen den CSD-Terror“ wurden angemeldet, jedoch war die Beteiligung gering. Laut Polizei waren bei der ersten Kundgebung am Schöneberger Ufer etwa 30 bis 50 Personen vor Ort – unter ihnen Mitglieder der vom Berliner Verfassungsschutz als gewaltorientiert eingestuften Gruppe „Deutsche Jugend Voran“.
Die Polizei nahm mehrere Personen fest – unter anderem wegen verbotener Symbole, Beleidigungen und Verstößen gegen das Waffengesetz. Eine zweite geplante Gegenkundgebung wurde abgesagt. Später am Tag versuchten Rechtsextreme, sich am S-Bahnhof Friedrichstraße zu versammeln. Die Polizei sprach Platzverweise aus und setzte Zwang durch, als diese ignoriert wurden. Dabei kam es zu Widerstand, drei Personen wurden festgenommen, ein Beamter verletzt.
CSD erinnert an Proteste in der Christopher Street 1969
Der Christopher Street Day erinnert an die Aufstände vom 28. Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street. Damals wehrten sich Schwule, Lesben und Transpersonen gegen Polizeiwillkür im „Stonewall Inn“ – eine historische Zäsur für die weltweite LGBTI-Bewegung.
In Berlin trugen Veranstaltungen wie der „Community Dyke* March“ am Freitag mit 4.500 Teilnehmenden und kreative Protestaktionen wie eine riesige Regenbogenflagge vor dem Bundestag zur Vielfalt der CSD-Tage bei.

