HomeMagazinBuchtippAlan Hollinghurst verwebt Intimität und Gesellschaft in „Unsere Abende“

Alan Hollinghurst verwebt Intimität und Gesellschaft in „Unsere Abende“

Mit „Unsere Abende“ verknüpft Alan Hollinghurst persönliche Lebensgeschichten mit gesellschaftlichen Beobachtungen und zeigt dabei einmal mehr, warum er zu den wichtigsten Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur gehört.

Im Zentrum der Handlung steht Dave, ein queerer Schauspieler birmanischer Herkunft. Hollinghurst begleitet ihn von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, zeichnet seine Karriere, seine Krisen und seine Suche nach Zugehörigkeit nach. Besonders eindrücklich schildert der Roman Daves Beziehung zu seiner Mutter Avril, die zwischen Nähe, Missverständnissen und stiller Bewunderung changiert. 

Zugleich bleibt die Jugendfreundschaft mit Giles ein wichtiger Bezugspunkt. Giles, der sich zum konservativen Hardliner entwickelt, bildet den scharfen Kontrast zu Daves Lebensweg und spiegelt die politischen Verwerfungen im heutigen England.

Ein leiser, aber präziser Gesellschaftskommentar

Hollinghurst setzt nicht auf dramatische Wendungen, sondern auf feine Beobachtungen. Er zeigt, wie Diskriminierung im Alltag funktioniert: in beiläufigen Kommentaren, in Blicken, in unausgesprochenen Erwartungen. „Unsere Abende“ beschreibt eindringlich, wie Rassismus und Klassenschranken das Leben des Protagonisten prägen, ohne dass dies je mit dem Holzhammer erzählt wird. Das Buch’ macht sichtbar, was andere übersehen – Mikroaggressionen, die sich summieren und Identitäten formen.

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Dabei gelingt dem Autor ein Balanceakt: Sein Roman ist zugleich ein Porträt individueller Lebenswege und ein Kommentar über die gesellschaftliche Lage im England der Gegenwart. Er zeigt ein Land, in dem Herkunft, Sexualität und politisches Klima die Möglichkeiten seiner Figuren bestimmen, ohne dabei auf Stereotype zurückzugreifen.

Sprache mit Eleganz und Rhythmus

Besonders auffällig bleibt Hollinghursts Prosa. Kritiker:innen beschreiben sie als „nuanciert, seidig, fast musikalisch“. Viele Passagen entfalten sich in langen, eleganten Sätzen, die dennoch nie überladen wirken. Gleichzeitig lockert Hollinghurst die melancholische Grundstimmung immer wieder durch scharfe Dialoge auf, die manchmal humorvoll, manchmal satirisch klingen. Diese Mischung sorgt dafür, dass „Unsere Abende“ trotz thematischer Schwere zugänglich bleibt.

Figuren zwischen Schweigen und Nähe

Die Figuren leben von ihren Zwischentönen. Dave wirkt oft zurückhaltend, beinahe scheu, doch in entscheidenden Momenten bricht eine ungeahnte Energie durch. Avril, seine Mutter, schwankt zwischen mütterlicher Fürsorge und stillem Ringen um Verständnis. Giles wiederum bleibt als Politiker eine ambivalente Figur – einerseits Karikatur eines konservativen Aufsteigers, andererseits ein Schatten, der über Daves Erinnerungen liegt.

„Wir sprechen nie darüber, und doch ist es immer da“, sagt eine Nebenfigur – ein Satz, der als Motto für viele Beziehungen im Roman gelesen werden kann. Hollinghurst versteht es, die Spannung zwischen Gesagtem und Ungesagtem literarisch auszureizen.

Resonanz und Kritikpunkte

So sehr die Detailfülle für Tiefe sorgt, so sehr birgt sie auch Risiken. Einige Leser:innen empfinden die Erzählweise als langatmig. Vor allem die Nebenfiguren, darunter Giles’ Schwester, bleiben stellenweise unterentwickelt und dienen mehr als Folie für Daves Geschichte. Auch die Vielzahl an kleinen Episoden, die Ausgrenzung und subtile Gewalt illustrieren, kann in ihrer Wiederholung ermüdend wirken.

Doch das ist letztendlich eher eine Stärke: Hollinghurst sammelt diese Szenen wie Mosaiksteine, die zusammen ein Bild ergeben, das mehr zeigt als die Summe seiner Teile. „Es ist ein Buch, das fordert, aber reich belohnt“, schreibt die Slate.

Ein Roman voller Nuancen

„Unsere Abende“ ist kein schneller Pageturner, sondern ein Werk, das auf Zwischentöne setzt. Es lebt von Atmosphäre, Sprache und Beobachtungsgabe. Hollinghurst gelingt es, intime Momente so zu erzählen, dass sie weit über die einzelnen Figuren hinausweisen. Damit fügt er seinem Werk ein weiteres Kapitel hinzu, das sich sowohl in die Tradition seiner früheren Romane einreiht als auch neue Akzente setzt – literarisch anspruchsvoll, gesellschaftlich relevant, sprachlich elegant.

Buchtipp
AbendeCover
Alan Hollinghurst
Unsere Abende
Roman | 624 Seiten | Albino Verlag
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