HomeNewsChronikNeues Porträt wirft Fragen zu Shakespeares möglichem Geliebten auf

Neues Porträt wirft Fragen zu Shakespeares möglichem Geliebten auf

Ein Miniaturbild aus dem 16. Jahrhundert sorgt für Spekulationen: Könnte es sich um ein Liebespfand zwischen William Shakespeare und seinem Mäzen Henry Wriothesley handeln?

Ein neu entdecktes Porträt des dritten Earl of Southampton, Henry Wriothesley, hat eine alte Debatte über das Privatleben von William Shakespeare neu entfacht. 

Das nur rund fünf Zentimeter große Miniaturgemälde stammt vom berühmten Hofmaler Nicholas Hilliard und zeigt Wriothesley mit langen Haaren, einem Perlenohrring und kunstvoller Kleidung. Die Kunsthistorikerin Dr. Elizabeth Goldring von der University of Warwick sieht in dem Bild ein mögliches „Liebeszeichen“.

Ein Herz, das durchstochen wurde

Besonders bemerkenswert ist die Rückseite des Bildes, auf der das rote Herz einer Spielkarte mit einem schwarzen Pfeil übermalt wurde. Dieses Motiv erinnert an den Speer im Wappen der Familie Shakespeare. 

- Werbung -

„So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen“, sagte Goldring gegenüber dem Telegraph. Sie vermutet, dass diese Veränderung früh erfolgte: „Es ist eine so heftige, beinahe gewaltsame Geste, dass sie nur von jemandem stammen kann, der dem Porträtierten sehr nahestand.“

Auch der Shakespeare-Experte Sir Jonathan Bate zeigte sich beeindruckt. „Wir haben Hunderte Miniaturen aus der Zeit gesehen, aber noch nie ein derart verändertes Bild. Allein an die Rückseite zu gelangen, war aufwendig. Das wirkt wie ein leidenschaftlicher, privater Akt“, erklärte er der Times.

Nähe zwischen Dichter und Patron

Henry Wriothesley gilt seit Langem als möglicher „Fair Youth“ in Shakespeares Sonetten. Zudem widmete der Dramatiker ihm in den 1590er-Jahren die Werke „Venus and Adonis” und „The Rape of Lucrece”. In einer Widmung schrieb Shakespeare: „Die Liebe, die ich Eurer Lordschaft widme, ist ohne Ende.“ Goldring hält die zeitliche Nähe zwischen diesen Widmungen und der Entstehung des Porträts für auffällig.

Die Provenienz der Miniatur legt nahe, dass sie später an Southampton zurückgegeben wurde. „Normalerweise bleiben diese Bilder nicht in der Familie der Porträtierten. Dass es hier anders war, spricht für eine Rückgabe – vielleicht um 1598, als Southampton heiratete“, so Goldring. Eine mögliche Interpretation sei, dass Shakespeare der ursprüngliche Empfänger war und das Bild mit seinem „Zeichen“ zurückgab.

Zwischen Andeutung und Ungewissheit

Saraya Haddad, Forscherin am Shakespeare Institute in Stratford-upon-Avon, mahnt zur Vorsicht. „Wir sollten nicht ausschließen, dass Shakespeare und Southampton Liebhaber waren, aber genauso wenig können wir es sicher behaupten“, sagte sie gegenüber PinkNews.

In Shakespeares Texten gebe es viele queere Anspielungen, darunter Rollentausch und Brüche mit Normvorstellungen. „Seine Werke zeigen Erfahrungen jenseits der Heteronormativität. Doch ich glaube, er hätte keine klaren Labels für seine Sexualität akzeptiert.“

Für Haddad liegt gerade im Rätselhaften eine Stärke: „Statt Antworten erzwingen zu wollen, sollten wir die Vielschichtigkeit und das Geheimnis in seinen Texten sehen. Das ist vielleicht das Queerste daran.“

Aktuelle Empfehlungen