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50 Jahre nach dem Mord an Pier Paolo Pasolini: Ein ungelöstes Kapitel italienischer Geschichte

Viele Fragen bleiben auch ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Regisseurs offen, auch rund um die Tatnacht in Ostia.

Am 2. November 1975 wurde der offen schwul lebende Regisseur und Intellektuelle Pier Paolo Pasolini tot am Strand von Ostia bei Rom aufgefunden. Fünfzig Jahre später gibt es weiterhin offene Fragen rund um die Tatnacht und eine anhaltende Debatte darüber, wie Italien mit seinem vielleicht unbequemsten Intellektuellen umgegangen ist. Der offizielle Täter, ein junger Sexarbeiter, wurde verurteilt, doch es bleiben Zweifel an seiner alleinigen Täterschaft.

Ein Mord, der das Land erschütterte

Pasolini, einer der einflussreichsten Künstler Italiens des 20. Jahrhunderts, war Filmemacher, Dichter, Intellektueller und lebte offen schwul in einem Land, das tief vom Katholizismus geprägt war. Sein Tod im Alter von 53 Jahren löste damals landesweit Schockwellen aus. Noch in derselben Nacht wurde der junge Giuseppe „Pino“ Pelosi festgenommen und wegen Mordes verurteilt. 

Die Polizei hatte ihn mit Pasolinis Auto aufgegriffen, noch bevor die Leiche gefunden wurde. Er raste ohne Führerschein in Pasolinis Alfa Romeo gegen die Fahrtrichtung eine Küstenstraße entlang. Später wurde am Tatort ein Ring von ihm gefunden.

Offiziell hat ein Stricher Pier Paolo Pasolini ermordet

Laut offizieller Darstellung hatte Pasolini den jungen Sexarbeiter in der Nähe von Roms Hauptbahnhof aufgegabelt. Am Ufer des Tibers gingen die beiden in die Trattoria „Al Biondo Tevere” essen. Danach fuhren sie in Pasolinis Alfa Romeo Giulia 2000 GT Veloce 30 Kilometer weiter nach Ostia ans Meer. 

Dort sollen sich die beiden gestritten haben, woraufhin Pelosi den Regisseur erschlug und anschließend mit Pasolinis Wagen über dessen Körper fuhr. Am Morgen danach fand eine Spaziergängerin am Strand eine schlimm verunstaltete Leiche. 

Doch viele Details dieser Version werfen Fragen auf – schon damals, aber auch heute noch.

Zweifel an der Einzeltäter-Theorie

Pelosi widerrief seine Aussage Jahrzehnte später selbst. In einem Interview mit Rai 3 im Jahr 2005 erklärte er, er habe Pasolini nicht ermordet. Stattdessen sprach er von mehreren Angreifern, die aus „politischen Gründen“ gehandelt hätten.

„Ich habe damals die Verantwortung übernommen, weil ich Angst hatte“, erklärte Pelosi. Laut seinen späteren Aussagen soll eine Gruppe von Männern – keine Jugendlichen – Pasolini in Ostia abgepasst und mit Stöcken und Eisenketten zu Tode geprügelt haben. Pelosi nannte keine Namen, sprach aber von „Männern mit kalabrischem oder sizilianischem Akzent“.

Für einen politischen Mord gab es viele Gründe

Durch Pelosis Aussagen wurde eine alte Theorie erneut ins Rollen gebracht: dass Pasolini gezielt ermordet wurde – vielleicht wegen seiner politischen Positionen, seiner offenen Kritik an der Korruption oder wegen seiner Homosexualität, oder einer Mischung all dessen.

Italiens bekannteste Journalistin Oriana Fallaci schrieb schon kurz nach seinem Tod, ein faschistischer Schlägertrupp habe ihn erschlagen. Tatsächlich gab es in den 1970er Jahren in Italien eine Welle tödlicher politischer Gewalt von links und rechts. Außerdem recherchierte Pasolini in den Wochen vor seinem Tod an einem Roman („Petrolio”) über Italiens Erdölindustrie. 

Pasolinis Homosexualität und gesellschaftlicher Umgang

Pasolini lebte seine Homosexualität offen, was in den 1960er- und 1970er-Jahren in Italien einem Tabubruch gleichkam. Bereits 1949 war er wegen „Verführung Minderjähriger” verurteilt worden, hatte seine Stelle als Lehrer verloren und war aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden. Trotz – oder gerade wegen – dieser Repressionen thematisierte Pasolini in seinen Filmen immer wieder Randgruppen, Sexualität und gesellschaftliche Heuchelei.

In Werken wie „Accattone“, „Mamma Roma“ oder dem kontroversen „Die 120 Tage von Sodom“ zeigte er Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben. Pasolini stellte den Zusammenhang zwischen Macht, Sexualität und Gewalt radikal zur Schau, wobei er oft autobiografische Elemente einbezog.

Neue Ermittlungen, aber kein Durchbruch

In den letzten Jahren gab es mehrere Versuche, den Fall neu aufzurollen. So forderte Pasolinis Cousin Guido Mazzon im Jahr 2010 eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Dabei wurde er vom Journalisten und Schriftsteller Sergio Citti unterstützt, einem engen Freund Pasolinis. Citti behauptete, der Regisseur habe an einem politisch brisanten Manuskript gearbeitet.

Auch der Fund neuer DNA-Spuren am Tatort brachte im Jahr 2015 Bewegung in den Fall. Im Laufe neuer Ermittlungen wurde DNA von mindestens fünf Männern gefunden, die allerdings zeitlich nicht zugeordnet werden konnten. Von Pelosi hingegen gab es in dem Alfa Romeo keinerlei Blutspuren. 

Die italienische Justiz prüfte die Beweise erneut, schloss die Akte aber 2017 wieder – ohne neue Erkenntnisse. Inzwischen gibt es kaum noch eine Chance, den Fall aufzuklären. Pelosi starb 2017 im Alter von 59 Jahren an den Folgen von Krebs.

Ein Vermächtnis, das bleibt

Pasolinis Werk ist bis heute von zentraler Bedeutung für das Verständnis der italienischen Nachkriegszeit. Auch 50 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod werfen seine Umstände Fragen auf – über Intoleranz, politische Gewalt und den Umgang mit unbequemen Stimmen. Die offizielle Version gilt vielen weiterhin als unvollständig.

Im Jahr 2025 gedenkt die Stadt Rom des 50. Todestages des Künstlers mit einer Reihe von Veranstaltungen. Auch in Ostia, wo Pasolini starb, sind Gedenkaktionen geplant – an einem Ort, der zum Symbol eines ungelösten Mordes geworden ist.

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