Ein 60-jähriger Mann aus Berlin gilt als der siebte dokumentierte Fall einer HIV-Heilung weltweit. Wie ein internationales Forschungsteam um Christian Gaebler und Olaf Penack von der Berliner Charité im Fachjournal Nature berichtet, wurde bei dem Patienten sechs Jahre nach Absetzen der antiretroviralen Therapie (ART) kein HI-Virus mehr nachgewiesen. Das Besondere: Die Transplantation erfolgte mit Stammzellen einer Spenderin, die nicht die bislang für eine Heilung als notwendig angesehene doppelte Mutation des CCR5-Gens aufwies.
„Dieses Ergebnis ist ein großer Erfolg“, betont Boris Fehse vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der die Studie als unabhängiger Experte bewertet hat. Dass die vollständige Viruselimination auch mit einer heterozygoten Spenderin gelingt, sei „bemerkenswert” und erweitere den Kreis potenzieller Spenderinnen und Spender um ein Vielfaches.
Ohne doppelte CCR5-Mutation: Neuer therapeutischer Weg?
Bislang galten nur Personen mit einer bestimmten Genmutation als geeignet für eine potenzielle HIV-Heilung durch Stammzelltransplantation. Diese Mutation verhindert, dass das HI-Virus in Immunzellen eindringen kann. Nur etwa ein Prozent der europäischstämmigen Bevölkerung trägt diese Mutation.
Im aktuellen Fall trug die Spenderin die Mutation lediglich auf einem der beiden Chromosomen. Dass der Patient dennoch keine HI-Viren mehr aufweist, deutet auf alternative Mechanismen im Immunsystem hin, die zur Eliminierung der HIV-Reservoire beigetragen haben könnten.
Laut den Studienautoren weisen insbesondere die natürlichen Killerzellen des Patienten nach der Transplantation ein verändertes Profil auf. „Das lässt vermuten, dass speziell angepasste Immuntherapien künftig eine Rolle bei der Behandlung spielen könnten“, so einer der beteiligten Forscher.
Transplantation nur bei schweren Krebserkrankungen sinnvoll
Ursprünglich wurde der Berliner wegen einer akuten myeloischen Leukämie behandelt. Erst durch diese Krebsdiagnose im Jahr 2015 wurde eine risikoreiche Stammzelltransplantation durchgeführt. Die Kombination aus Chemotherapie, Transplantation und anschließender Remission führte nicht nur zum Verschwinden der Leukämie, sondern offenbar auch zur Eliminierung des HI-Virus.
Guido Kobbe vom Universitätsklinikum Düsseldorf, der nicht an der Studie beteiligt war, schätzt die Datenlage so ein, dass der Patient „anhaltend HIV-negativ bleiben wird”. Er spricht von einer Heilung, wenngleich Fachleute weiterhin von einer sogenannten funktionellen Remission sprechen.
HIV-Forschung öffnet sich neuen Therapieoptionen
Damit gewinnt die Forschung an alternativen Ansätzen zur HIV-Heilung neuen Schwung. So werden bereits Gentherapien untersucht, die gezielt CCR5-Gene verändern. Auch Strategien zur Stärkung des Immunsystems, um verbleibende HIV-Reservoire zu beseitigen, stehen im Fokus.
Laut Fehse ist jedoch die hohe Belastung einer Stammzelltransplantation ein wichtiger Aspekt. Diese Therapie kommt nur infrage, wenn sie medizinisch notwendig ist, beispielsweise bei einer Krebserkrankung. Für eine breite Anwendung bei HIV-Infizierten ohne weitere Erkrankungen ist der Eingriff zu riskant.
Hoffnung auf neue Präventions- und Therapieformen
Abseits solcher aufwendiger Verfahren gibt es auch in der Prävention Fortschritte. In der EU ist mit „Yeytuo“ erstmals eine HIV-Prophylaxe in Form einer Langzeitinjektion zugelassen, die nur alle sechs Monate verabreicht werden muss. Sie könnte dabei helfen, das Ziel der EU zu erreichen, bis 2030 keine neuen HIV-Infektionen mehr zu verzeichnen.
Aktuell leben weltweit rund 40 Millionen Menschen mit dem HI-Virus, die Mehrheit davon in Afrika südlich der Sahara. Hier wären niederschwellige und langfristig wirksame Präventionsmethoden besonders wertvoll. Doch unter der US-Regierung wurden zuletzt die Mittel für Präventionsprogramme deutlich gekürzt, was viele Hilfsorganisationen vor neue Herausforderungen stellt.

