Israel darf am 60. Eurovision Song Contest (ESC) in Wien teilnehmen. Bei der heutigen Generalversammlung der EBU in Genf stimmte bei einer anonymen Abstimmung über Neuerungen im Reglement und die Teilnahme Israels eine Mehrheit der teilnehmenden Sender dafür. Der spanische Rundfunk RTVE hatte zusammen mit sieben anderen Ländern eine geheime Abstimmung über die Teilnahme Israels gefordert, was jedoch von der EBU abgelehnt wurde.
Spanien, Irland, Slowenien und die Niederlande boykottieren den ESC
In einer ersten Reaktion kündigten die Rundfunkanstalten aus Spanien, Irland, Slowenien und den Niederlanden an, die im Mai in der Wiener Stadthalle stattfindende Veranstaltung zu boykottieren. Als Grund nannten sie die hohe Zahl palästinensischer Opfer im Gaza-Krieg. Die öffentlich-rechtlichen Sender aus Island und Belgien wollen in den nächsten Tagen über eine Teilnahme entscheiden.
RTVE ist einer der fünf wichtigsten Geldgeber der Veranstaltung. Dessen Präsident José Pablo López schrieb in einer Nachricht auf dem Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter), dass „das, was in der EBU-Versammlung passiert ist, bestätigt, dass der ESC kein Song Contest ist, sondern ein Festival, das von geopolitischen Interessen dominiert ist”.
Avrotros erklärte, die Entscheidung sei „das Ergebnis eines sorgfältigen Prozesses” gewesen: „Die EBU hat die politischen Unstimmigkeiten, die während der vergangenen Ausgabe passiert sind, anerkannt und weitere Maßnahmen verkündet, um eine Wiederholung zu verhindern. Diese Maßnahmen machen jedoch nicht ungeschehen, was während des vergangenen Song Contests passiert ist.”
Jurys erhalten mehr Einfluss – und mehr Mitglieder
Mit der Teilnahme Israels wurden auch strengere Regeln beschlossen: Konkret dürfen die teilnehmenden Rundfunkanstalten und Künstler:innen künftig nicht mehr an Kampagnen Dritter beteiligt sein, wenn diese das Abstimmungsergebnis beeinflussen könnten. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um Unternehmen, Regierungen oder regierungsnahe Agenturen handelt.
Anlass für diese Änderung war unter anderem ein Fall aus dem Vorjahr, bei dem eine israelische Regierungsagentur massiv Werbung für die Teilnehmerin Yuval Raphael gemacht hatte. Die Sängerin gewann anschließend überraschend das Publikumsvoting.
Jurys erhalten mehr Einfluss – und mehr Mitglieder
Auch das Voting-System wurde überarbeitet. Die Zahl der Jurymitglieder pro Land steigt von fünf auf sieben. Laut EBU sollen diese über „nachgewiesene Erfahrung in der Musikbranche“ verfügen. Zwei der Mitglieder müssen zudem zwischen 18 und 25 Jahre alt sein. Um Manipulationen vorzubeugen, müssen alle Juror:innen schriftlich versichern, unabhängig und unparteiisch zu voten.
Erstmals seit 2022 dürfen die Fachjurys wieder in den Halbfinalrunden mitstimmen. Das Ergebnis ergibt sich dort nun wieder je zur Hälfte aus Jury- und Publikumsstimmen. In den Jahren 2023 und 2024 wurde diese Funktion abgeschafft, da einige Jurywertungen den Verdacht auf Absprachen geweckt hatten.
Genaue Teilnehmerliste vor Weihnachten
Der israelische Rundfunk KAN hat seine Teilnahme am Wettbewerb bereits angekündigt. Nach den Absagen soll die Zahl der teilnehmenden Länder bei etwa 35 liegen. Eine genaue Liste soll noch vor Weihnachten vorliegen, so die EBU.
ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat sich im Vorfeld für eine Teilnahme Israels ausgesprochen, da nicht Länder, sondern Sender teilnehmen. „Im Sinne eines gelebten kulturellen Dialogs und zur Unterstützung und Stärkung der demokratiepolitischen Rolle der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten war es wichtig, hier keine Brücken abzubrechen”, so der ORF-Chef in einer ersten Stellungnahme. Er würde es bedauern, wenn sich Sender nun gegen eine Teilnahme entscheiden sollten.

