Die Pläne für einen milliardenschweren Rückzug von der Börse sind gescheitert: Den Hauptaktionären von Grindr, Raymond Zage und James Lu, ist es nicht gelungen, die erforderlichen Mittel aufzubringen, um die Dating-App in ein privat geführtes Unternehmen umzuwandeln.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wollten die beiden Investoren rund eine Milliarde US-Dollar von Kreditgebern aufnehmen. Doch das Geld kam nie. „Das Sonderkomitee konnte keine zufriedenstellenden Informationen über eine verbindliche Finanzierung erhalten“, teilte das Unternehmen nun in einer Stellungnahme mit.
Börsenkurs stürzt ab
Als Reaktion auf das Scheitern der Privatisierung fiel der Aktienkurs von Grindr um 12 Prozent. Bereits im Juli war der Kurs um 23 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig verlangsamte sich das Wachstum der aktiven monatlichen Nutzerzahlen, die aktuell bei rund 15 Millionen liegen.
Grindr selbst machte für den Nutzerrückgang eigene Anti-Spam-Maßnahmen verantwortlich. Die Software sei so aggressiv gewesen, dass auch echte Nutzer gesperrt worden seien. Firmenchef George Arison erklärte, man wolle „gute” Nutzer halten und „schlechte Akteure” entfernen.
Nutzer beklagen sinkende Qualität
In den sozialen Netzwerken widersprechen Nutzer diesen Aussagen. Sie berichten von einer großen Zahl von Bots und Fake-Profilen. Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit mit dem kostenlosen Angebot der App. Immer mehr Funktionen werden hinter einer Paywall versteckt, zuletzt auch die Möglichkeit, „Taps“ zu sehen.
„Es ist ein Paradebeispiel für Enshittification, das zur Abwanderung von Nutzern führt“, sagte ein schwedischer Investmentbanker, der anonym bleiben möchte und einen kritischen Bericht über Grindr veröffentlichte. Er hatte mit seinen schwulen Freunden über ihre Erfahrungen mit der App gesprochen – vor allem die Flut an Werbe-Pop-ups hatte für Frust gesorgt.
Der Bericht führte zu einem weiteren Einbruch des Aktienkurses. Die Aktie fiel auf 12 US-Dollar und liegt damit nur knapp über dem Niveau des Börsengangs im Jahr 2022. Für Grindr ist dies ein weiterer Rückschlag in einer ohnehin turbulenten Geschichte. Seit der Gründung hat das Unternehmen bereits dreimal den Besitzer gewechselt.
Grindr-Geschäftsführer in der Kritik
Wie der Journalist Cory Weinberg von The Information berichtet, ist CEO Arison intern weiterhin vom Börsengang überzeugt. Ob seine Vision von einem „gayborhood in your pocket“, also einem schwulen Viertel für die Hosentasche, den Erwartungen der Nutzer gerecht wird, bleibt fraglich. Für viele ist Grindr nach wie vor in erster Linie eine App für spontane Kontakte.
Auch der politische Hintergrund des CEOs sorgt für Diskussionen. Arison ist Republikaner, was bei Investoren zwar gut ankommt, von queeren Aktivist:innen jedoch kritisch gesehen wird. Grindrs tatsächlicher Beitrag zur Förderung der Rechte sexueller Minderheiten wird in den USA derzeit unterschiedlich beurteilt.
Der Umsatz stimmt – die Zufriedenheit der Kunden nicht
Trotz aller Kritik bleibt Grindr wirtschaftlich erfolgreich. Für das laufende Jahr erwarten Analyst:innen Rekordeinnahmen in Höhe von rund 430 Millionen US-Dollar, die vor allem durch Abonnements erzielt werden sollen.
Die Kluft zwischen steigenden Umsätzen und wachsender Unzufriedenheit der Nutzenden verdeutlicht das zentrale Problem: Während Investoren Profite sehen wollen, wünschen sich viele Nutzende ein besseres Produkt.

